TRIP TO YOUR HEART

HAPPY HOLIDAYS

 

Eins

 

Da stand ich nun. Völlig überfordert, vollkommen am Ende mit den Nerven. Zwei Wochen Urlaub in der tollen Friedrichstadt standen mir in wenigen Stunden bevor – und das mit der Familie!

Was meint ihr, wie ich reagiert hatte, als meine Mutter mir diese frohe Botschaft verkündete? Als launisch und mürrisch hatte sie mich daraufhin bezeichnet, doch das bin ich nicht. Ich bin ein junger Mann von 16 Sommern und derzeit einfach nur total gestresst. Seit Beginn der Pubertät hat sich so wirklich alles verändert. Erst kam der Stimmbruch, dann folgten die Pickel. Obendrein nervt mich diese Kackschule. Jugendliche können dermaßen bekloppt und vor allem grausam sein, dass man sich fragt, was in deren Köpfe verkehrt läuft. Hin und wieder würde ich dem einen oder anderen gern ins Gesicht schlagen. In meiner Fantasie ist das dermaßen amüsant, dass ich unwillkürlich lachen muss.

Manchmal frage ich mich, ob ich der einzig normale Mensch auf Erden bin. Können doch nicht alle so bescheuert sein … Dem nicht genug, habe ich auch noch eine kleine Schwester, die mich ziemlich oft fast in den Wahnsinn treibt. Erst letztens hatte sie aus purer Wut mein Handy zertrümmert – völlig gestört, das Kind. Getoppt wird das Ganze nur noch von dem neuen Kerl meiner Mutter. Ich frage mich ernsthaft, was sie an diesem Ungeheuer toll findet. Plauze, säuft ständig – aber das tun sie beide ja gern –, kleidet sich daheim wie ein Penner und spielt nach außen hin den perfekten Mann. Schicke Aufmachung und immer freundlich anderen gegenüber – außer zu mir. Entweder hat der Mann einen riesigen Prügel in der Hose oder es liegt an der Kohle, die er verdient. Ohne Scheiß. Kann mir das mal jemand erklären, bitte?!

Einmal, da machte Herbert, so der höchst erotisch klingende Name des Liebhabers meiner Mutter, mit uns einen Tagesausflug zu irgendeinem komischen Vergnügungspark – grauenvoll. Wie ich diese gespielte Fröhlichkeit doch verabscheue. Herbert kommt ja ursprünglich aus Bayern und regt sich immer über meine Ausdrucksweise auf. Scheiße, Mann! Ich bin ein waschechter Ruhrpottler, und so reden wir hier halt nun mal – zumindest in diesem kleinen Kaff, in dem jeder Dritte arbeitslos ist und mehr als die Hälfte schon morgens einen sitzen hat. Abgesehen davon hat er selbst einen seltsamen Dialekt. Gelegentlich klingt er, als hätte er einen Frosch verschluckt. Vielleicht ist das der Grund, warum Christina, meine Mutter, ihn dermaßen scharf findet. Ich möchte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, was die beiden machen, wenn sie unter sich sind. Da läuft mir doch glatt ein Ekelschauder über den Rücken. Pfui, bah! Ich bin nicht mürrisch, nein. Mich kotzt mittlerweile einfach nur alles an.

 

„Steve!“ Es war die unerträglich selbstgefällige Stimme meiner Alten, die mich mal wieder, wie so oft an diesem warmen Sommertag, zum Schnauben brachte. Christina ist ganz schön selbstverliebt. Keiner darf ihr an die Haare fassen und wehe, man stört sie, während sie sich die Nägel lackiert. Aus irgendeinem Grund hatten wir nie dieses Mutter-Sohn-Verhältnis, wie man es sich immer so vorstellt. Eine liebevolle Mom, die sich rührend um ihren Sprössling kümmert. Von wegen! Mit neun Jahren tätigte ich meinen ersten Großeinkauf und durfte den vollgepackten Wagen allein nach Hause schieben. Daran erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen. Liegt wohl daran, dass ich den Einkauf noch heute erledige. Vor anderen will Muddern immer als perfekte Hausfrau dastehen, und seltsamerweise gelingt es ihr. Doch das liegt nicht daran, dass sie tatsächlich so eine tolle Hausfrau wäre, sondern daran, dass ich den meisten Scheiß alleine mache. Putzen, Wäsche – quasi alles. Kaum kommt man aus der Schule, da schwappt einem die brüllende Stimme der Alten entgegen. Selbst meine Freunde – ja, ich habe ebenfalls Freunde, wenn auch nur zwei an der Zahl – können manchmal nur noch mit dem Kopf schütteln. Kaum ist man aus dem Haus, da ruft einen die Mutter und verlangt dies und jenes. Vielleicht wurde ich ja adoptiert, oder ihr passt es nicht, dass ich nicht so bin, wie sie es sich erträumt hatte. Was weiß ich.

„Steve!“ Als ob ich sie nicht schon beim ersten Mal gehört hätte.

Genervt öffnete ich meine Zimmertür. „Was denn?“

„Komm mal eben. Wir müssen uns jetzt langsam, aber sicher beeilen!“

„Ich komme ja schon.“ Seufzend begab ich mich zu ihr. „Was ist denn?“

„Komm mir jetzt nicht so!“ Warum sie mich so anmeckerte, verstand ich nicht – aber das tat ich ja nie. Wenn ihr etwas nicht passt, dann lässt sie ihre Wut gern mal an mir aus.

„Was ist denn?“

„Du musst …“, begann sie ihren Satz, und immer, wenn ich dieses Wort müssen vernahm, dann fing es in mir an zu brodeln. Müssen muss ich gar nichts – außer sterben. „… noch einmal eben kurz …“

Ja, ich musste mal eben kurz – mal wieder – einkaufen gehen. Solange sie mich nicht eines Tages darum bittet, ihr den Arsch abzuputzen, geht es ja noch. Fuck! Das soll sie wagen – aber ohne mich! Dies können gern andere machen. Meine Zukunft habe ich mir nämlich schon bildlich vorgestellt. Ja, ja – richtig ausgemalt habe ich sie mir. Sobald ich die Schule beendet habe, und Teufel noch eines, das werde ich, dann suche ich mir einen Ausbildungsplatz, den ich erfolgreich abschließen werde, und dann werde ich meine eigene Firma gründen. Zwar weiß ich nicht, was für eine Firma das genau sein soll, aber das spielt ja auch noch keine Rolle. Oh, und nebenbei verliebe ich mich natürlich, und sofern diese Sesselpupser in der Politik es dann endlich mal erlauben, werde ich ihn heiraten. Ja – ihn. Bin ein warmer Bruder. Wie das klingt: warmer Bruder. Voll schwul.

 

Nachdem ich den Einkauf erledigt hatte, verbarrikadierte ich mich schnell in meinem kleinen, aber dafür sehr gemütlichen Reich. Okay, es ist nicht wirklich luxuriös oder dergleichen. Es herrscht eben mein ganz eigenes Chaos. Katastrophal würde meine Alte jetzt sagen, aber das soll mir am Hintern vorbeigehen. Mich nervt es nur, dass sie ab und zu durch mein Zimmer wütet. Sie nennt es aufräumen – ich nenne es pure Zerstörung meines Hab und Guts. Eltern sind schon etwas Komisches, findet ihr nicht? Wobei „Eltern“ so ja gar nicht stimmt. Schließlich bin ich nicht aus Herberts Sack geschossen, sondern aus dem eines anderen. Fragt mich nur nicht, wessen Klöten mich ausgekotzt haben, denn das ist ein Geheimnis, das meine Mutter hütet wie ihre Dildos. Schlechter Vergleich, denn diese unechten Dinger stehen überall in ihrem Schlafzimmer herum. Nicht, dass ich freiwillig dort hineingehen würde, aber manchmal, wenn ich die Gardinen abhängen beziehungsweise frische aufhängen muss, springen mich diese urkomischen – immer steifen – Teile förmlich an. Einer hat sogar Augen, und die Nase soll wohl die Eichel sein. Fraglich nur, warum sie überhaupt Dildos hat. Wahrscheinlich hat Herbert gar keinen Riesen in der Hose und der Spruch Dort hinterm Berg wohnt der Zwerg passt bestens zu ihm. Oder sie sind für ihn. Scheiße, Alter! So habe ich das ja noch nie gesehen. Oh, fuck! Wie auch immer. Nicht daran denken, dann wird alles gut.

„Steve, komm mal bitte“, hörte ich Herberts Stimme.

„Oha“, seufzte ich und öffnete mühevoll meine Tür. Warum ich Schwierigkeiten dabei hatte? Nun ja: Muddern hatte mal ein wenig zu tief ins Glas geguckt und war bei dem Versuch, meine Zimmertür zu öffnen, volle Kanne dagegen gedonnert. Sie ist jetzt nicht wirklich schwer, also meine Mutter, aber es hatte gereicht, um die Tür aus den Angeln zu heben oder, besser gesagt, zu brechen. Seitdem benötige ich immer ein wenig Kraft beim Öffnen und vor allem beim Schließen.

„Herbert“, sagte ich schwerfällig, als ich ihm im Flur gegenüberstand.

„Hast du schon alles gepackt?“

In diesem Moment fragte ich mich, warum er sich danach erkundigte. Schließlich hatte ich meiner Familie schon am Vortag mitgeteilt, dass ich alles beisammen hatte. „Klaro!“

„Gut, dann kannst du deine Sachen ja schon einmal runter zum Auto bringen.“

„Sicher.“

„Und ein paar von unseren Sachen auch, danke.“

Ich hatte geahnt, dass da noch etwas kommen würde – war ja immer so. Ermattend trug ich die prallen Taschen meiner Mutter die vielen Stufen hinunter. Hinterher musste ich erst einmal schwer durchatmen. Hatte meine Alte etwa ihren kompletten Kleiderschrank eingepackt? Als ich zum Auto blickte, wurde mir plötzlich total warm. Die Kiste war alt und verbraucht. Um ehrlich zu sein, würde es mich wundern, wenn uns diese Karre tatsächlich bis zum Zielort transportieren würde. Innerlich hoffte ich ja, dass der Kleinwagen irgendwo auf halber Strecke schlapp machen würde und wir dann per Anhalter oder so zurückfahren müssten. Das wäre Action gewesen und weitaus besser als zwei Wochen lang auf einem Campingplatz – irgendwo am Arsch der Welt – sein zu müssen. Da ist es wieder, dieses Wort, und dieses Mal musste ich wirklich. Mir blieb ja nichts anderes übrig. Ganz besonders freute ich mich schon auf das öde Wandern am Meer. Ehrlich – mir wäre ein richtiger Urlaub lieber gewesen. Was ich unter einem richtigen Urlaub verstehe? Am Strand von Spanien oder Australien liegen und sich von anderen bedienen lassen, aber dazu reicht das Geld ja nicht. Wieso war meine Alte gleich noch mal mit Herbert zusammen? Ich weiß es nicht, echt nicht.

„Steve!“, brüllte meine Mutter vom Küchenfenster aus.

Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich erschrak. „Ja?“

„Du sollst nicht rauchen, du sollst die Sachen nach unten bringen!“

„Sofort.“

„Nicht sofort – jetzt!“

Ja, ich rauche. Ich sollte mich dafür schämen. Wobei ich glaube, dass, würde keiner aus der Familie rauchen, ich es auch nicht tun würde, oder? Scheiße, ich kann denen doch nicht für alles die Schuld geben. Es war viel mehr eine Art Gruppenzwang in der Schule. Wer keine Kippe in der Hand hielt, der war eben nicht cool. Und da ich nicht nur gute Noten haben, sondern auch dazugehören wollte – was mehr oder weniger gescheitert war –, hatte ich damit angefangen. Dumm, ich weiß. Aber was tut man nicht alles dafür, um dazuzugehören. Die einen marschieren ins Sportcenter, um abzunehmen, und andere dröhnen sich mit Alkohol zu, was ich übrigens nicht mache – ich trinke nicht, niemals! Mein Körper ist ein Tempel, bis auf die Lungen. Ach, lassen wir das, sonst bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen. Vielleicht werde ich eines Tages mit dem rauchen aufhören – sofern ich den richtigen Typen an meiner Seite haben werde. Aber auch nur vielleicht, wenn er mich darum bittet – mit süßen Küssen und so. Ja, ein Teil von mir ist ein hoffnungsloser Romantiker und eigentlich bin ich auch eine ganz liebe Seele. Ich kuschle unglaublich gerne – fragt mal mein Kissen. Oha, mein armer Zukünftiger. Hoffentlich werde ich ihn nicht erdrücken, sodass seine Augen herausquellen oder so. Manchmal, da schau ich einfach zu viele Filme. Wie auch immer. Seitdem ich denken kann, wünsche ich mir eigentlich nur eines: einen festen Freund. Ja, sensible Seele eben … Kein Plan, wieso, weshalb oder warum. Allerdings wusste bis dahin niemand, dass ich schwul bin. Würde ich es bekannt geben, dann würden Welten zusammenbrechen. Ohne Scheiß, jeder, den ich kenne, stänkert gegen Homosexuelle. Eine in meiner Schulklasse, eine Strenggläubige, hat vor Kurzem ein Referat über die Christen und den ganzen Kack gehalten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagte sie voller Überzeugung – behauptete im nächsten Moment aber, dass Schwulsein eine Sünde sei und sie sich sogar für die Todesstrafe stark mache. Total daneben, aber überraschend war es weniger, denn dieses Miststück hatte schon immer eine seltsame Sichtweise. Geschockt war ich nur von meinem Lehrer, der ihr nickend zustimmte.

Habt ihr schon einmal die Bibel gelesen? Ich musste ja zur Grundschulzeit in den Religionsunterricht und wurde regelrecht dazu gezwungen, diese „heiligen Seiten“ zu studieren. Als ich meine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes anbettelte, mich aus dem Unterricht zu nehmen, da ich ja noch nicht einmal getauft sei, war sie erst dagegen, aber ich setzte mich durch. Ich bin die Sünde aller Sünden. Schwul und ungläubig. Herrlich.

 

Das Auto war vollgestopft bis oben hin. Meine kleine Schwester und ich mussten hinten sitzen. Kim brauchte noch einen Kindersitz. Es war ein Wunder, dass dieser überhaupt hineinpasste. Enger ging es wirklich nicht mehr. Meine Mutter musste ihren Sitz natürlich weit nach hinten schieben, damit ich meine Beine auch ja nicht mehr bewegen konnte.

„Und, bereit?“, fragte Herbert uns voller Vorfreude. Er schaute mit diesem gemeingefährlichen Grinsen über die Schulter.

„Ja!“, quiekte Kim erfreut, während ich nur verkrampft lächelte.

„Dann lasst uns!“ Herbert versuchte den Wagen zu starten, doch er sprang nicht an.

Ja, ja!, freute ich mich im Geiste, doch zu früh, denn beim nächsten Versuch klappte es.

„Ach“, Mama war entzückt, „diese Gegend werde ich mit Sicherheit nicht vermissen“, meinte sie mit dem Blick auf das Hochhaus.

Ich aber, ich aber, dachte ich und sah in der Ferne meine Freunde, die es sich auf einer kleinen Bank gemütlich machten. Manchmal, so glaube ich, lästern die beiden über mich. Hundert pro. Kaum dreht man ihnen den Rücken zu, schon zerreißen sie sich das Maul über einen. Bin halt sehr misstrauisch und vertraue niemanden mehr. Wieso? Na, weil ich einfach zu oft enttäuscht wurde. Trotzdem wünschte ich mir in diesem Moment, auszusteigen und zu ihnen gehen zu können. Tja, scheiße, nichts da.

Auf dem Weg zur Autobahn spürte ich immer wieder, wie das Fahrzeug leicht auf- und abhüpfte. Es hatte etwas von einem Schaukelstuhl, und bei jeder noch so kleinen Bewegung hoffte ich, dass wir stehen bleiben würden. Aber das Glück war ja noch nie auf meiner Seite.

Als wir auf der Autobahn ankamen, sah ich all diese tollen Wagen, die an uns vorbeisausten. Wahnsinn!, dachte ich immer wieder, während wir mit 100 km/h hinterher reisten. Meistens benutzte Herbert die rechte Spur – mehr war einfach nicht drin. Kim klatschte alle paar Sekunden – wie so eine Irre – in die Hände und meine Mutter musste natürlich alle 30 Minuten eine Zigarettenpause einlegen. Die Erwachsenen hätten ja im Auto rauchen können, doch aus Höflichkeit meiner kleinen, nervigen und alle paar Minuten fragenden Schwester – Sind wir schon da? – ließen sie es bleiben. Klar, ich rauche auch, aber aus unerklärlichem Grund wird mir immer ganz anders, sobald jemand während der Fahrt qualmt.

Aus geplanten vier Stunden Fahrt wurden sechs und mehr. Irgendwann schaute ich schon gar nicht mehr auf meine billige Armbanduhr. Ich wusste nur noch, dass wir um kurz nach zehn losgefahren waren und es mittlerweile kurz nach 17 Uhr war. Dabei waren es höchstens 500 Kilometer.

Die letzte Pause an einer Raststätte stand an, und ich war froh, als ich endlich wieder meine Beine bewegen konnte. Allerdings hatte ich kaum noch Gefühl darin und fiel, als ich aus dem Auto stieg, fast hin. Hastig hielt ich mich an der Tür fest, während meine Alte mich ganz dämlich anstarrte und dann kopfschüttelnd davon ging. Hattet ihr das schon mal, also kein Gefühl in den Beinen? Die ersten Schritte haben dann etwas von einem Gehbehinderten. Wirklich elegant sieht das Ganze nicht aus.

„Sind wir bald da?“, hörte ich Kims nervtötendes Organ.

„Ja, nicht mehr lange und wir sind am Ziel“, erwiderte Herbert und setzte sich mit seinem Kampfgewicht von 120 Kilogramm auf eine Bank. „Bald sind wir auf dem Campingplatz.“

„Cool!“, freute sie sich, während ich genervt die Augen rollte und ein wenig über den Gehweg lief. Stundenlang mit der Familie in einem Auto zu sitzen ist echt kein Spaß. Erst labert der eine, dann die andere und schließlich lachen sie alle. Manchmal, so glaube ich, hat man mich im Krankenhaus vertauscht. Kann ja nicht anders sein, denn so verrückt bin ich nicht – oder doch?

Beim Öffnen der letzten Schachtel Zigaretten fragte ich mich allen Ernstes, wie ich diese zwei Wochen überleben sollte, denn Geld besaß ich keines, und ich bezweifelte, dass ich von Muddern oder ihrem Macker welches bekommen würde. Urlaub ohne Taschengeld. Harte Zeiten standen mir also bevor.

„Stevieee“, rief mich meine Mutter. Ich hasse es, wenn sie mich so nennt. Sie winkte mich zu sich. „Nun komm schon, wir wollen weiter!“

„Klar, sicher“, fluchte ich leise. Die anderen durften pausieren, wann sie wollten, nur ich nicht. Dabei hatte ich doch gerade erst wieder ein Gefühl in den Beinen und aufgeraucht hatte ich auch noch nicht.

„Steve!“ Kennt ihr Malcom Mittendrin? Dessen Mutter brüllt den Namen der Kinder auch immer so laut, dass wirklich jeder sie hören kann.

„Ich komme ja schon!“ Leicht gereizt, aber wirklich nur leicht, ging ich zurück zum Auto. Es war so scheiße heiß in dieser Kiste, dass ich schon beim Anblick zu schwitzen begann. Dem nicht genug, hatte Kim Verdauungsprobleme und ließ des Öfteren einen knattern. Zu gern hätte ich ja das Fenster ein Stückchen geöffnet, doch es besaß keine Kurbel – nur die beiden vorderen. Der Albtraum ging weiter. Zum Glück war es nicht mehr ganz so weit.

Irgendwann fuhren wir dann durch einen wirklich wunderschönen, langen Tunnel. Das Licht hatte etwas Beruhigendes, etwas, das sich toll anfühlte. Minutenlang hatte ich diese Zufriedenheit in mir verspürt, bis das Tageslicht mich wieder blendete und die Sonne direkt auf uns herab schien. „Im Tunnel war es schöner“, redete ich vor mich hin.

„Ja“, stimmte Herbert mir zu. „Hat was, nicht?“

„Jupp.“ Aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass er sich wohl mehr erhofft hatte, aber was hätte ich sonst noch darauf erwidern sollen? Sollte ich ihn dafür loben, dass er mir zustimmte? Also echt.

 

Endlich verließen wir die Autobahn und fuhren durch ein Kaff nach dem anderen. Langweilig war es nicht, nein – es war mehr als das. Dort ein Häuschen, hier ein Baum. Dann kamen wir an und ich sah nach langer Zeit endlich mal wieder einen Menschen. Als ich die Tankstelle, die sich ziemlich nah an der Einfahrt zum Camp befand, erblickte, freute ich mich tierisch. Dort würde ich Zigaretten und Zeitungen bekommen, sofern ich Geld ergattern könnte.

Herbert fuhr in die Einfahrt und freute sich. „Endlich sind wir da!“

„Wurde aber auch Zeit“, stöhnte meine Mutter und lachte dann unerwartet.

Wohnwagen, Zelte und sogar Hütten sah ich. Noch machte Herbert es spannend, denn bisher hatte er uns nicht mitgeteilt, wo wir überhaupt schlafen würden. Ich hoffte ja nur, dass es kein Zelt sein würde. Eine Hütte wäre doch perfekt. Eine für mich ganz allein … Ach, man darf ja noch träumen.

„Ich parke dann mal“, verkündete Herbert. Als ob wir es nicht mitbekommen hätten.

Endlich konnte ich mich wieder frei bewegen. Ein herrliches Gefühl, wenn man laufen kann. Gerade als ich mir eine Zigarette anzünden wollte, hielt Mama mich davon ab. „Du musst …“

Ja, ich musste, und zwar alle Taschen aus dem Auto heben. Sie stand währenddessen daneben und qualmte eine. Sehr nett, ich weiß. Ihr Freund hingegen ging zur Rezeption, um uns anzumelden, und kam erst etliche Minuten später wieder zurück.

„So.“ Herbert grinste uns an. „Können wir?“

„Gerne“, stöhnte die Alte völlig erschöpft.

Sitzen kann so anstrengend sein, dachte ich. Glaubt mir, das kann es wirklich.

Mama griff nach ihrer Handtasche, schüttelte ihr langes, gelocktes, schwarzes Haar und ging voran. Den Rest durften Herbert und ich tragen. Kim hüpfte wie ein Flummi vor uns herum und jubelte alle paar Sekunden.

„Das da“, erklärte Herbert und nickte nach rechts zu einem kleinen Gebäude, „sind die Duschen und Toiletten.“

Wie jetzt? Ich war geschockt! Hat die Hütte keine Dusche und keine Toilette?

„Aha“, sagte Mama ausgelaugt. „Ist es denn weit von unserem Platz aus?“

„Ähm“, überlegte er kurz, „nein.“ Nun grinste er. „Da ist es. Müsste es zumindest. Man sagte mir an der Rezeption, dass es so ziemlich der letzte sein soll.“

„Wo ist was?“, fragte ich und blieb abrupt fassungslos stehen, nachdem Herbert auf dieses Objekt gezeigt hatte. Ein Wohnwagen mit Vorzelt. Der Caravan wirkte auf mich ziemlich klein. Schließlich waren wir zu viert. Wo sollten wir alle schlafen?

Total begeistert stellte Herbert die Taschen ab und spähte durch die Panoramafenster des Vorzelts. „Das ist unserer.“ Sein Gesicht war so voller Stolz, dass ich ihn aus purer Höflichkeit anlächelte. Noch war ich ja – mehr oder weniger – guter Dinge und stellte erst einmal die vielen Taschen im Vorzelt ab.

„Das ist ja groß“, behauptete Mama perplex.

War das jetzt Sarkasmus?, fragte ich mich. Ihre Miene hatte etwas Rätselhaftes an sich.

„Bereit?“ Herbert versuchte, Spannung aufzubauen, und rieb die Hände aneinander. Dann öffnete er die Tür des Wohnwagens und ging die drei Stufen hinauf. „Das ist echt schön!“, sagte er erfreut. Schnell folgten ihm die beiden Mädels, während ich noch warten musste. War mir aber auch ganz recht, denn endlich konnte ich mal eine rauchen.

Da stand ich also. Allein auf einem Rasen. Einige Meter schräg gegenüber – auf der anderen Seite des Gehweges – war ein weiterer Wohnwagen. Hinter unserem befand sich nichts als Bäume. Interessant war der Blick auf die andere Seite, denn dort war ein großer Hügel – ja, ganz toll, ich weiß, aber neugierig war ich schon. Was sich wohl dahinter befindet?

„Steve!“ Mamas Organ schallte über den Platz.

Mit hochgezogener Augenbraue schaute ich sie genervt an. „Ja?“

„Jetzt darfst du gucken kommen.“ Dies ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. „Auf der rechten Seite im Wohnwagen schläfst du – mit Kim.“

Sofort begann mein Auge zu zucken. Ist so ein nervöser Tick von mir, den ich seit Kurzem habe. Ich ließ mir den Schock durchaus nicht anmerken und ging einfach an ihr vorbei. Doch das Zucken meines Lides wurde stärker, als ich mich im Inneren des Palastes befand. „Du sagtest doch, dass ich mit Kim hier schlafen soll“, sagte ich völlig verwirrt. „Aber hier ist eine Essecke.“

„Die kann man ausfahren“, klärte Herbert mich auf. „Cool, nicht?“

„Ja, ganz cool“, murmelte ich entgeistert. „Habe ich wenigstens eine eigene Bettdecke?“ Ganz verzweifelt guckte ich meine Mutter an.

„Ja, die hast du.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen – leider waren noch zu viele darauf.

Herbert überlegte kurz und machte dabei dieses nachdenkliche Gesicht. Das tut er immer – vor allem, wenn er etwas möchte oder uns etwas ganz Wichtiges mitzuteilen hat, was aber total unbedeutend ist. „Ich gehe mal eben ein Bierchen trinken.“ Er sagte es so, als ob er sich das gänzlich verdient hätte.

„Mach das.“ Mama sah mich auffordernd an. „Wir werden dann schon einmal die Taschen auspacken.“

„Okay, bis gleich“, hörte ich Herbert noch sagen, während ich die Alte ansah und ihr am liebsten ein Nein vor den Kopf geknallt hätte. Doch stattdessen gehorchte ich wie ein Sklave – wie immer. Eine ganze Stunde lang scheuchte Mama mich von links nach rechts und von da nach dort. Es war wie zu Hause. Mach dies, mach jenes.

Nach knapp einer Stunde setzten Muddern und ich uns auf Campingstühle. Die Sonne verschwand bereits am Horizont und ich wusste immer noch nicht, was sich hinter dem Hügel befand. Doch war es mir gerade auch egal, denn ich war nur eines: völlig erledigt und hungrig. Essen gehen war allerdings nicht drin. Stattdessen gab es die belegten Brötchen vom Morgen.

„Wollen wir uns die Gegend anschauen?“, wollte Mama mit erschöpfter Stimme wissen.

Ich schüttelte den Kopf. „Können wir doch auch morgen noch tun.“

„Recht hast du. Bist auch müde, nicht?“ Nun klang sie wieder freundlich. Solche Stimmungsschwankungen kann doch kein Mensch haben. Sie war weder in der Pubertät noch in den Wechseljahren. Mal ist Muddern total nett und lieb und dann wieder wie ein Monster, das manchmal kurz davor ist, einem den Kopf abzureißen. Versteh einer diese Frau.

 

Bettzeit war bereits um kurz nach zehn, schließlich war Kim ja noch ein Kind. Mein Alter spielte dabei keine Rolle, was mir in diesem Moment aber auch egal war, denn die Müdigkeit war mir mit Sicherheit ins Gesicht geschrieben. Bevor es jedoch zu Bett ging, mussten wir an die fünf Minuten bis zu der Gemeinschaftsdusche laufen und uns brav die Zähne putzen. Meine Mutter und ihr Freund gingen noch duschen. Ich verzichtete darauf, denn Gemeinschaftsduschen sind mir einfach zuwider. Früher oder später müsste ich duschen, das war mir bewusst, nur jetzt nicht. Nicht heute.

Zurück im Wohnwagen machte Herbert das tolle Bett für mich und Kim fertig. Zwar hätte ich es selbst gekonnt, aber er wollte uns ja zeigen, dass er handwerklich begabt ist. Von wegen! Die Lampe im Schlafzimmer hängt auch nach einem halben Jahr noch schief von der Decke und der Wasserhahn im Badezimmer tropft auch schon seit geraumer Zeit.

„Na, ist das nicht schön?“, fragte Herbert uns. Er setzte sein gewinnendstes Lächeln auf, während ich nur nickte. Besonders groß war das Bett nämlich nicht und unter einer weichen Liegefläche verstand ich auch etwas ganz anderes. Ich versuchte, so weit wie es nur ging von Kim entfernt zu schlafen, denn ihr langes, blondes Haar, das sie natürlich offen tragen musste, war einfach überall. Außerdem furzt sie ziemlich gerne. Zum Glück, und das war es wirklich, konnte ich das kleine Fenster über mir ein Stückchen öffnen. So erstickte ich wenigstens nicht. Eine angenehme Nacht war es trotzdem nicht. Meine Stirn drückte fast schon gegen die Wand. Nun hoffte ich nur noch, ausschlafen zu können.

 

 

Zwei

 

„Weck mal deinen Bruder“, hörte ich Herberts Stimme im Halbschlaf. „Der pennt mir schon wieder zu lange.“

Wenige Sekunden später brüllte Kim: „Aufstehen!“ Mit einem Satz besprang mich das kleine Monster und zog mir die Decke weg. „Los jetzt!“

„Boah!“ Zuerst wollte ich sie vom Bett schubsen, doch dann hätte sie sich wahrscheinlich das Genick gebrochen, und auf das Theater hatte ich nun wirklich keine Lust. „Gleich!“ Langsam richtete ich mich auf und streckte die Glieder in alle nur möglichen Richtungen.

„Steve!“, brüllte die Alte.

„Bin doch schon wach!“ Als ich auf meine Armbanduhr schaute, hätte ich am liebsten um mich geschlagen. Gerade mal kurz nach neun war es!

Herbert stöhnte unüberhörbar. „Jetzt mach mal hinne! Wir wollen duschen und uns die Zähne putzen.“

„Dann geht doch“, gab ich gleichgültig zurück. Wieder hörte ich ihn geifern, was mir aber ziemlich egal war.

„Hat keinen Zweck.“ Endlich erhob er sich und ging mit Kim und meiner Mutter davon.

Vorsichtig spähte ich aus dem kleinen Fenster und wartete einen Moment ab, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Schnell stand ich auf und griff nach meinen Fluppen. Draußen beschirmte ich die Augen gegen die Sonne. Die warmen Strahlen fühlten sich toll auf meiner blassen Haut an. Was für ein Kontrast das wohl gewesen sein muss: schwarze Boxershorts, Sneakers und ein bleichhäutiger junger Mann, den man aus der falschen Perspektive wahrscheinlich gar nicht erst sah – bis auf die Unterhose –, da der helle Hintergrund des Wohnwagens womöglich mit der Hautfarbe verschmolz. Eine laufende Boxershorts, herrlich. Warum stelle ich mir so etwas immer gleich bildlich vor? Wie auch immer.

Genüsslich rauchte ich eine und atmete dabei die frische Luft der Natur ein – und natürlich aus – wollte ja nicht ersticken. Ich erblickte einen Campingbewohner, der, bekleidet mit komischen Latschen und einer weiten Sommerhose, über den Gehweg ging und grüblerisch zu mir schielte. Natürlich musste ich so blöd sein und ihn grüßen. Ja, ich hob sogar meinen Arm. Schnell schaute er wieder weg. Ich erkannte, wie sich sein dicker Bauch kurz bewegte. Anscheinend schmunzelte King Kongs Baby über mich. Nett fand ich es nicht gerade, aber lange dachte ich auch nicht mehr darüber nach, denn ich wurde abgelenkt, und zwar von dem Hügel. Ich wollte endlich wissen, was sich dahinter befand. Hastig rauchte ich auf, lief zurück in den Wohnwagen und beschloss, mich erst einmal zu säubern. Ich griff nach meiner Zahnbürste und machte mich auf den Weg zu der tollen und sehr hygienischen Gemeinschaftsdusche. Dauernd guckte ich auf den Boden – warum? Kein Plan, Mann. Es juckte mich. Sofort kratzte ich mich am Hintern. Auf einmal vernahm ich ein Kichern. Gespannt schaute ich auf und entdeckte in einigen Metern Entfernung eine fünfköpfige Familie, die vor ihrem Wohnwagen auf schicken Stühlen saß und mich lachend musterte. Was die für ein Problem hatten, wusste ich nicht. Vielleicht lag es ja an meinen blond gefärbten Haaren, über die sich schon so manch einer lustig gemacht hatte. Ich ging nicht darauf ein und lief weiter. Noch eine Weile hörte ich sie gackern. Am liebsten hätte ich ja irgendetwas von mir gegeben, wie: „Fickt euch“, aber wer weiß, ob die Walzen mich dann nicht platt gemacht hätten.

In der Gemeinschaftsdusche war niemand außer mir anwesend. Mit schief geneigtem Kopf putzte ich mir die Zähne. Als ich in den Spiegel blickte und hinter mir eine offenstehende Kabine samt einer Dusche sah, fragte ich mich, ob ich mich unter die Brause stellen sollte. Der Gedanke verflog schnell wieder, denn ich hatte das Handtuch im Wohnwagen liegen lassen. Eine Katzenwäsche musste also reichen. Duschen gehen konnte ich auch noch später. In aller Ruhe machte ich mein Haar zurecht, stattete dem Klo noch einen Besuch ab und ging dann zurück zum Wohnwagen. Keine Spur von Herbert, meiner Mutter oder der kleinen Kim. Als mein Magen zu rumoren begann, vergaß ich den Hügel ganz schnell. Es gefiel mir nicht, dass ich kein Geld besaß. Brummend zog ich mir meine weiße Sporthose und ein Shirt über.

Ich lief quer über den Platz und suchte nach meiner – ach so liebevollen – Familie. Endlich hatte ich mal die Möglichkeit, die Gegend ein wenig zu erforschen. Viel zu erkunden gab es allerdings nicht. Ein paar mollige Bewohner, viel Rasen und das war es dann eigentlich auch schon. An der Tankstelle guckte ich mich verzweifelt um. Wo zum Henker waren sie? Eine Zigarette musste her. Natürlich qualmte ich die nicht direkt an der Tankstelle – bin ja nicht lebensmüde. Es nervte mich, dass ich die anderen nicht finden konnte. Da so allein herumzustehen hatte etwas vom letzten Menschen auf Erden. Ohne Scheiß, keiner betrat den Tankstellenshop. Ich hätte es ja getan, wenn da nicht dieses kleine Problemchen gewesen wäre. Der Hunger wurde von Minute zu Minute größer, die Laune immer mieser. Alleine Urlaub zu machen wäre sicherlich toll, aber doch nicht ohne Kohle, Mann!

 

Ich kehrte zum Wohnwagen zurück, doch noch immer war niemand anwesend. Jetzt reichte es mir. Verzweifelt suchte ich nach den Geldbörsen meiner Mutter und Herberts. Es war mir egal, wie sie darauf reagieren würden. Hauptsache Geld, um mir etwas zu essen kaufen zu können. Doch ich fand sie nicht. Beleidigt setzte ich mich auf einen Stuhl und wartete. Nach etlichen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, hörte ich endlich meine kleine Schwester.

„Schlafmütze“, motzte Kim. Sie zog eine Grimasse, in die ich am liebsten reingeboxt hätte.

„Ach“, staunte Herbert, „auch schon wach?“

Schnell stand ich auf und fragte an meine Mutter gewandt: „Wo seid ihr gewesen?“

„Ach, der Herr auch schon wach, ja?“, wich sie gekonnt aus.

Wenn man die gleiche Frage zweimal gestellt bekommt und schon beim ersten Mal nicht darauf reagiert, dann würde man bei einer Wiederholung am liebsten sofort ausholen und zuschlagen. „Wo wart ihr? Ich habe Hunger.“

„Wir waren frühstücken“, antwortete sie trocken und rieb sich über die Wampe. Noch deutlicher hätte sie nicht ausdrücken können, dass sie satt war.

„Wie jetzt?“

„Ja, du warst ja noch am Pennen bis in die Puppen.“

Was sollte ich darauf erwidern? Ich wusste es nicht und guckte nur ziemlich doof aus der Wäsche. „Und jetzt?“

„Tja“, meinte Herbert, während er in seiner Geldbörse kramte. „Hier.“

Wie großzügig, dachte ich nur, als er mir zwei Euro entgegenstreckte.

„Ein Stück hinter der Tankstelle ist ein Kiosk. Die haben, soweit ich weiß, belegte Brötchen.“

Entgeistert nahm ich das (viele) Geld entgegen. Mann, war das reichlich Pulver! So viel hatte ich noch nie bekommen. „Wo wart ihr denn frühstücken?“

„In einem Restaurant.“ Herbert drehte mir den Rücken zu und streckte sich ausgiebig, während ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte.

Mutter sah mich auffordernd an. „Beeile dich.“

„Wieso?“

„Weil wir nachher noch wegfahren wollen.“

„Wohin denn?“

„Ähm“, Herbert tat so, als müsste er angestrengt überlegen, „in die Stadt. Mal ein wenig schauen, was es hier so Interessantes gibt.“

„Muss das sein?“, nörgelte ich.

„Steve!“, meckerte die Alte sofort.

„Was denn? Wir sind doch gestern erst angekommen. Wieder im Auto zu sitzen ist doch doof.“ Mein Schmollen ließ sie kalt. „Ist ja schon gut!“ Beleidigt begab ich mich zum Kiosk. Wieder hörte ich diese komische Familie kichern. Dieses Mal konnte ich nicht anders und zeigte ihnen prompt den Mittelfinger. Mann, waren die geschockt, Alter! Krasse Scheiße. Am Kiosk fragte ich sofort nach einem belegten Brötchen, doch es gab keine mehr. Stattdessen bot mir die Verkäuferin ein Hörnchen und einen Donut an. Die zwei Euro reichten gerade noch aus. Schnell verputzte ich das Gebäck und schlenderte zurück zum Caravan.

 

Mit wem unterhält er sich da?, rätselte ich. Herbert quatschte mit einem Mann. Irgendwie kam mir der Fremde bekannt vor. Ist das etwa …? In der Tat! Es war der Dicke von der gackernden Familie.

„Ach“, hörte ich Herbert. „Da kommt er ja.“

Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. „Morgen“, grüßte ich mit gesenktem Kopf und wollte schnurstracks an ihnen vorbei laufen, doch sofort hielt mich Herbert zurück.

„Steve!“

„Ja?“, fragte ich mit einem scheinheiligen Lächeln.

„Das kannst du nicht machen!“

„Was denn?“, stellte ich mich doof.

„So etwas gehört sich nicht“, behauptete er. Unter dem seltsamen Blick des fremden Mannes fühlte ich mich absolut unwohl. Wie dämlich der mich angaffte – schrecklich! „Du solltest dich entschuldigen“, verlangte Herbert.

„Wofür?“

„Ich glaube, du weißt, wofür.“

Noch immer glotzte mich dieses Etwas an.

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

„Steve!“, fluchte Herbert, doch ich reagierte nicht darauf und ging einfach in den Wohnwagen hinein. „Steve! Unmöglich, dieser Junge.“

Muddern starrte mich an und fragte eindringlich, was ich denn getan habe. Doch statt zu antworten, zuckte ich nur – gespielt – ahnungslos mit den Schultern. Natürlich musste sie sich sofort bei den Erwachsenen erkundigen, was ich denn so Schlimmes angestellt habe. Kaum wusste sie Bescheid, gab es eine kleine Standpauke. Vom dauernden Nicken wurde mir schon ganz anders in der Birne.

 

„Steve!“ Wieso hetzte Herbert so? Wir waren doch im Urlaub und nicht unter Zeitdruck. Boah, wie mich das abfuckte.

„Beeile dich doch mal.“ Selbst meine Mutter, die ihr schönes Körbchen in der Hand hielt, wollte anscheinend ganz schnell ins Auto steigen.

„Ich komme ja schon!“ Ich ließ die anderen vor mir her laufen. Sie unterhielten sich über – was weiß ich. Ich hatte einfach keine Lust darauf. Mehrmals hielt ich Ausschau nach einem süßen Typen, aber ich erblickte nur alte oder mollige Männer mit ihren Weibern, die ihre hängenden Brüste in bunten Bikinioberteilen verpackt hatten. War schon ein wenig eklig. Wo sind nur die süßen Typen?

Im Auto musste Muddern ihren Sitz wieder soweit es nur ging nach hinten schieben.

„Mama!“, schimpfte ich.

„Ach, was denn?“, meinte sie scheinheilig. „Bin ich dir zu nahe gekommen?“

„Wäre nett, wenn du mir noch ein wenig Raum für meine Beine lassen würdest.“

„Ich halte den Korb. Ich brauche Platz.“ Eine bessere Ausrede hätte sie sich nicht einfallen lassen können. Prustend guckte ich aus dem Fenster.

Wir fuhren eine Weile – fast schon planlos – durch die Gegend. Zwar hatte Herbert eine Karte, doch anscheinend wusste er nicht, wohin. Seine Doofheit, sich kein Navigationsgerät zu kaufen (er wollte ja Geld sparen), stahl meine kostbare Lebenszeit. Zuerst kamen wir in Büsum an. Dann fuhren wir wieder hinaus. Später erkannte Herbert dann, dass es doch die richtige Stadt gewesen war, und kehrte wieder um. Eigentlich sind solche Situationen ja ganz lustig, aber wenn man niemanden an seiner Seite hat, mit dem man auf einer Wellenlänge ist, dann ist es nur nervig. Leise schnaubte ich vor mich hin. Kerl, war mir langweilig!

Nach knapp zwei Stunden machten wir dann endlich auf einem Parkplatz halt und durften aussteigen. Jetzt brauchte ich einfach eine Zigarette.

„Rauch nicht so viel“, waren Mamas Worte, die sie sich auch hätte sparen können, denn sie zündete sich selbst eine an.

„So“, sagte Herbert stolz. „Jetzt sind wir da.“

„Und wo?“, wollte ich neckisch wissen. Ich wusste ja, dass er es selbst nicht so genau wusste, und fand es amüsant ihn zu fragen.

„In dem schönen Büsum.“

„Ja, und wo genau?“, stichelte ich weiter.

„Steve“, stöhnte er. „Wir schauen uns jetzt die Stadt an.“ Sein Blick hatte etwas Bedrohliches.

„Ach so.“ Mehr sagte ich nicht. Wer weiß, ob er sich nicht auf mich gestürzt hätte. Wieder liefen die drei vor mir her, während ich immer ein wenig Abstand hielt. Für mich war das Ganze einfach nur total öde. Kein süßer Typ – nicht ein einziger!, dachte ich immer wieder. War recht interessant, dieser Stadtrundgang, denn wir liefen überall nur vorbei. Statt dass wir mal irgendwo stoppten und uns etwas, irgendetwas, von innen angesehen hätten. Aber nein. Nach einem langen Fußmarsch erreichten wir den Hafen. Wasser, dachte ich und schaute vorsichtig über das Geländer.

„Buh!“, erschreckte mich Mutter und lachte dann los. Was daran so lustig sein sollte, wusste ich nicht, doch ihre komische Lache war dermaßen ansteckend, dass ich ebenfalls kicherte.

„Wollen wir ein Eis essen gehen?“, erkundigte Herbert sich hibbelig.

„Ja!“ Kim war so aus dem Häuschen, dass sie beim Hüpfen prompt zu Boden fiel.

„Alles in Ordnung?“ Sofort half Herbert ihr auf, und ich staunte nicht schlecht, denn Kim heulte gar nicht. Ja, sie jammerte nicht einmal, wie sie es sonst immer tat. Stattdessen freute sie sich weiter auf das tolle Eis – ich hingegen weniger. Sofort stürmten Herbert und Kim die Eisdiele. Mama und ich folgten langsam. Begeistert schien sie auch nicht gerade zu sein.

„Den Korb“, sagte sie, „hätte ich auch im Auto lassen können.“

„Was hast du denn da drin?“

Mit Schmollmund sah sie mich an und ließ mich einen Blick in den Korb werfen. „Handtücher, Sonnencreme und so.“

„Oh.“ Ja, meine Mutter hatte anscheinend wirklich gedacht, wir würden irgendwo am See entspannen.

„Tja, Pech, ne?“, neckte ich sie umbarmherzig. Hey, sie tat es auch ständig, also durfte ich auch mal ein wenig gemein sein.

„Trägst du ihn ein bisschen?“

„Muss das sein?“ Dieses Teil war so ein typischer Frauenkorb – riesig und auf jeden Fall auffallend!

„Ach, komm schon! Schließlich darfst du auch von unserem Tabak mitrauchen.“

Zornig schaute ich in ihr frech grinsendes Gesicht. „Erpresserin.“

„Entweder Lungenschmacht oder den Korb tragen.“ Sie streckte ihn mir entgegen. Stöhnend nahm ich ihn an mich. Sofort schüttelte Mama ihr langes Haar und stolzierte selbstbewusst zu den anderen. Es hatte etwas von einem Lauf auf einem Catwalk. Da stand ich also – in einer mir unbekannten Stadt – mit einem Korb und dem Gefühl, als würde mich jeder anstarren. Nicht aufzufallen war unmöglich, und das lag nicht nur an meinen Haaren!

Später schleckten wir alle unser Eis und betrachteten dabei das Wasser im Hafen. Aufregender ging es wirklich nicht. Schmeiß mich einer ins Wasser, betete ich, doch meine Wünsche gingen ja sowieso nicht in Erfüllung. Also brauchte ich auch keine Angst zu haben, dass dies wirklich geschehen würde. Nur ein wenig Spaß und Action, hoffte ich, doch das sollte einfach nicht sein. Wieder liefen wir durch die Innenstadt – immer in der Mitte der Fußgängerzone. Wahrscheinlich wollten die Erwachsenen nicht, dass Kim oder ich etwas Schönes in einem der Schaufenster entdeckten. Bloß kein Geld ausgeben und ein Souvenir kaufen müssen. Hätte ja der finanzielle Ruin werden können. Den Korb musste ich übrigens weiterhin tragen.

„Habt ihr Hunger?“, fragte Herbert nach einer gefühlten Ewigkeit.

„Total!“, kam es sogleich von Mama. „Schon die ganze Zeit“, gestand sie im gleichen Atemzug.

„Dann lasst uns mal irgendwo reinsetzen und was essen.“

„Der Korb“, erinnerte ich meine Mutter.

„Kannst ihn ja gleich abstellen.“ Sie guckte mich dabei nicht einmal an.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich nach einem süßen Typen umschaute, doch es war die einzige Beschäftigung, die ich hatte. Während ich es tat, fragte ich mich, was ich tun würde, wenn mir wirklich einer begegnen würde. Würde ich ihn einfach so ansprechen? Ich glaube nicht – oder doch?

„Wie wäre es mit Pommes und Currywurst?“ Herbert blieb stehen und kratzte sich an seinem langen Oberlippenbart, der schon viele weiße Härchen hatte. „Wäre doch perfekt, nicht?“

Mir war alles recht. Hauptsache feste Nahrung.

Nach der leckeren Currywurst, und sie war wirklich lecker, gingen wir langsam zurück zum Auto. Es war bereits kurz nach 17 Uhr.

„Jetzt bin ich aber erledigt.“ Muddern stöhnte, als sie sich ins Auto setzte.

„Dein Korb!“, frischte ich ihr Gedächtnis abermals auf.

„Jetzt kannst du ihn auch noch auf deinem Schoß lassen, bis wir wieder zurück sind.“

 

Der ganze Tag war dahin. Nichts Aufregendes war geschehen. Eis und Pommes essen konnte ich auch zu Hause. Mit ein wenig Geld in der Tasche und einem Schnuckelchen an meiner Seite wäre es sicherlich lustiger gewesen. Die Fahrt zurück zum Campingplatz erwies sich als schwierig, denn Herbert hatte sich verfahren. Kim war von dem vielen Laufen bereits im Wagen eingeschlafen – immerhin etwas.

„Endlich“, seufzte Mama, als wir die Tankstelle am Lucky Camp erreichten.

„Ja, bin auch erledigt“, gestand Herbert, was bei seinem Gewicht aber auch kein Wunder war. Sein längeres, zerzaustes Haar schien im Licht des Autos total fettig. Es war also kein Wunder, dass er jeden Tag – morgens und abends – duschen ging. Herbert stellte den Motor ab. Mama öffnete rasch die Autotür, beugte sich in Windeseile nach vorn und kam dann mit einem Ruck zurück. Warum sie das tat? Anscheinend wollte sie ihr langes Haar zu einem Zopf binden. Machen das alle Frauen so? Hat etwas von einer ungekonnten Tanzeinlage.

Da meine Schwester ja bereits schlief, trug Herbert sie in den Wohnwagen. Selbst jetzt musste ich noch den bekloppten Korb tragen! Als ich an der Familie vorbeilief, die mich am Morgen in Teufelsküche gebracht hatte, konnte ich ihre Blicke auf mir ruhen spüren. Und da ich leichte Segelohren habe, konnte ich sie auch wispern hören. Sie lästerten. Ob man mit Segelohren besser hört? Kein Plan, Mann! Am liebsten hätte ich denen den Korb mit Schmackes gegen die Köpfe geschlagen.

Später setzte ich mich auf einen der Stühle vor dem Wohnwagen, überkreuzte die Beine und starrte gelangweilt vor mich hin.

„Wir gehen noch ein Bierchen trinken“, meinte Herbert zu mir. „Du bleibst bitte hier – falls deine Schwester aufwacht.“

„In Ordnung.“

„Und nirgendwo hingehen!“, ermahnte mich meine Mutter. „Wir bleiben auch nicht lange.“

„Ja, ja“, murmelte ich. Die beiden nahmen einander bei der Hand und gingen über die Wiese davon. Was für ein toller Urlaub das doch war! Keine Musik, keine Leute in meinem Alter, kein süßer Typ und obendrein hatte ich auch nur noch zehn Zigaretten! Nach einer Weile des Herumsitzens blickte ich automatisch zum Hügel. „Jetzt aber!“ Ich versicherte mich, dass Kim schlief, und huschte davon. Auf dem Weg zu dem geheimnisvollen Hügel zündete ich mir eine Zigarette an. Mann, war das aufregend! Endlich mal ein wenig Spannung. Es gab sogar eine Treppe, die sich ein wenig weiter links befand. Gespannt lief ich die vielen Stufen hinauf. Scheiße, war ich neugierig! Dann erreichte ich die letzte Stufe und war total platt. Mir fiel ja beinahe wirklich alles aus dem Gesicht, was vorhanden war. Dass ich meine Nase und Augen nicht wieder vom Boden aufheben musste, war ein Wunder! Was ich sah? Wiesen, Felder und ein angrenzender See. Ja, da war in weiter Ferne sogar eine Brücke. Boah, war das geil! Ich glaube, dermaßen blöde aus der Wäsche geguckt hatte ich noch nie. Enttäuscht lief ich zurück zum Wohnwagen. Schlimmer konnten die Ferien doch echt nicht mehr werden – oder?