DRAGOR

CHAPTER ONE

 

 

Bisher hatte Samuel immer gedacht, dass Alarmanlagen in Supermärkten nur dann losgehen würden, wenn man etwas gestohlen hat. Dem war aber offenbar nicht so, denn kaum war er an dem System vorbeigegangen, da schlug dieses auch schon an und gab hohe, piepsende Töne von sich. Automatisch stoppte der große Mann mit dem kinnlangen, braunen Haar, blickte verwundert – fast schon ertappt wie ein kleiner Schuljunge, der heimlich von fremden Bonbons genascht hatte – um sich und zupfte angespannt an den Trägern seines Rucksacks herum.

Unverzüglich schauten ihn Kassierer und Kunden an. Eine Situation, die Samuel keineswegs mochte. Vor allem der unheimliche Ausdruck auf ihren Gesichtern wirkte auf ihn wie ein besiegeltes Gerichtsurteil. Du bist schuldig im Sinne der Anklage – egal, ob es stimmt oder nicht!

Samuel spürte eine unangenehme Hitze in seinem Gesicht. Sein Herz pumpte kräftiger, hallte in seinen Ohren wider. Schwer schluckte er. Stand er etwa kurz vor einer Panikattacke? „Hm.“ Belustigt über sein eigenes Verhalten, löste er sich aus der Starre. Dass er überhaupt erst stehen geblieben war, kam ihm jetzt gänzlich dämlich vor. Von Beginn an hätte er den Alarm und die Fratzen der dümmlich dreinschauenden Menschen ignorieren sollen. Schließlich hatte er nichts Schlimmes verbrochen. Aber so war Samuel. Trotz seiner Intelligenz und seines enorm guten Aussehens war er unsicher und voller Selbstzweifel.

Gedankenverloren blickte er auf die Bananen. Wollte das Sicherheitssystem mich etwa davor warnen, diesen Laden zu betreten? Vielleicht sind die Lebensmittel ja vergiftet?

„Entschuldigen Sie bitte …“, vernahm Samuel eine wohlklingende, weibliche Stimme, nachdem er sich den Blumen zugewandt hatte. Er sah über die Schulter und musste unwillkürlich in sich hineinkichern. Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen, als er der großen, dunkelhäutigen Verkäuferin mit dem langen, gelockten, schwarzen Haar in die grünen Augen schaute. Volle Lippen und eine kleine Nase schmückten ihr Gesicht. Sein Blick schweifte kurz auf das Namensschild der Mitarbeiterin, deren Brüste gigantisch waren und sich regelrecht aus der Bluse herausquetschten. Wie Frauen mit einer zierlichen Figur und solch einem Busen gerade stehen konnten, war ihm ein Rätsel. „Ja, bitte, Frau Djabal?“, fragte Samuel gespannt. Insgeheim hatte er auf eine Taschenkontrolle gehofft. Die Frau hätte ihn abgetastet und nichts gefunden, was ihn ungemein amüsiert hätte. Folglich hätte er ihr etwas über seine Rechte erzählt und ihr verklickert, dass man erst dann etwas klauen kann, wenn man im Laden drin ist. Doof aus der Wäsche hätte sie geguckt und behauptet, dass sie es doch wüsste.

„Sie haben gerade den Alarm ausgelöst“, sagte sie mit fragendem Unterton, und während er antwortete, fasste sie ihm mit einem vertieften Blick an den Oberarm.

„Ja, ich habe es vernommen“, antwortete er und sah dabei auf die Hand, die ihn berührte. War sie etwa angetan von seinem Bizeps? Er konnte es nicht leiden, wenn Fremde ihn, ohne zu fragen, anfassten. Wehe, diese grün lackierten Nägel beschmutzen mein frisch gewaschenes Sweatshirt.

„Natürlich waren Sie es“, war sie sich sicher.

„Gibt es da etwa ein Problem?“, stutzte er verwundert über dieses Verhalten.

Prompt hatte sie von ihm abgelassen. „Oh, n-nein“, negierte sie verlegen.

„Und ich dachte, ich hätte jetzt schon im Vorfeld geklaut.“

„Nein, natürlich nicht. Hören Sie, für die Unannehmlichkeiten möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen entschuldigen.“

„Hm, wäre aber nicht nötig gewesen“, meinte er, während er sich über die Stelle rieb, die sie gerade erst berührt hatte. Ein Jucken, gefolgt von einem Ziehen und Brennen, hatte sich für einen Moment bemerkbar gemacht.

„Es ist unsere Pflicht, uns gut um unsere Kunden zu kümmern.“

„Ähm, ja … sehr nett“, stammelte er.  

„Wie ich sehe, schauen Sie sich gerade unsere neuen Blumen und Pflanzen an.“

Samuel sah auf die spärliche Auswahl. „Sind ein paar Schmuckstücke dabei.“

„Hätten Sie gerne eine?“

„Eigentlich wollte ich nur ein paar Sachen für meinen morgigen Geburtstag besorgen. Blumen habe ich, ehrlich gesagt, schon zur Genüge.“

„Sie haben Geburtstag?“, fragte sie interessiert.

„Ja, ich feiere meinen, ähm …“ Er stockte, brachte die folgenden Worte kaum über die Lippen: „30. Geburtstag.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „30 ist doch kein Alter“, sagte sie lässig, was Samuel irritierte. War es etwa so offensichtlich, dass er sich Sorgen um die große Drei machte? „Sie feiern aber doch hoffentlich nicht allein, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Ich habe ein paar Freunde eingeladen.“

„Klingt nach sehr viel Spaß.“

„Abwarten“, erwiderte Samuel mit dem Gedanken an die Eingeladenen.

„Würden Sie mich bitte einen kurzen Moment entschuldigen?“

„Ähm, ja klar, sicher.“

„Und könnten Sie mir bitte einen Gefallen tun und hier auf mich warten?“ Sie trat näher an ihn heran und sah ihm tief in die Augen.

„Ähm, wenn es denn unbedingt sein muss.“

„Geht auch ganz schnell“, versprach sie und wandte sich zum Gehen.

Mit gerunzelter Stirn sah Samuel ihr nach. Es war unvermeidlich, dass er ihr auf den viel zu kurz geratenen Rock äugte. Seit wann es Mitarbeiterinnen gestattet war, sich so freizügig zu präsentieren, wusste er nicht, und soweit er es erkannte, war Frau Djabal die einzige Angestellte, die dies tat. Vielleicht eine neue Verkaufsmasche, dachte er, als er auf einmal bemerkte, dass ihn nahezu jeder Kunde, der an ihm vorbei ging, seltsam anstarrte. Man sah ihn an, als hätte er einen dicken, mit Eiter gefüllten Pickel im Gesicht. Oder lief ihm etwa, trotz der drückenden Luft, gewaltig die Nase? Fragend blickte er um sich und entdeckte zwischen den Gemüseregalen eine Tür, an der ein Spiegel hing. Als er sich vom Nahem betrachtete, sah er jedoch weder einen Pickel noch irgendwo Rotze. Er fasste sich durch die Mähne und fand nicht einen Grund für dieses eigenartige Anstarren. Dass man hin und wieder seltsam angeguckt wurde, war er gewohnt, aber dermaßen komisch, war ihm neu. Das Licht der Deckenleuchte reflektierte mit einem Mal stark im Spiegel, weshalb er die grünblauen Augen halb zukniff und schließlich ganz wegschaute. Als Samuel sich umdrehte, zuckte er leicht erschrocken zusammen.

Frau Djabal stand mit einem unheimlichen Lächeln vor ihm und präsentierte wie eine Hostess eine gigantische Pflanze.

„Wow!“, staunte Samuel. „Da ist gewiss jemand in die Höhe geragt.“

Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Kann mal wohl sagen.“

Den wollüstigen Blick auf seinen leicht gewölbten Schritt, für den er im Grunde nichts konnte, da er recht gut bestückt war, registrierte er sofort. Offensichtlich dachte sie, dass er ihretwegen erregt war, aber das war er mitnichten.

„Ist sie nicht wunderschön?“, fragte sie anpreisend.

Diese Pflanze war Samuel fremd. Er betrachtete sie genauer. Sie erinnerte ihn an einen Drachenbaum, dessen Blätter auch hellgrün und mit gelben Streifen verziert waren. Doch diese Pflanze war irgendwie anders. Die Blätter waren weitaus dicker, die Farbe kräftiger. Unschlüssig darüber, womit er es zu tun hatte, erkundigte er sich: „Darf ich fragen, um was es sich hierbei genau handelt?“

„Natürlich dürfen Sie. Ein Pflanzenliebhaber darf nahezu alles.“

„Pflanzenliebhaber“, wiederholte er schmunzelnd. „Ich habe in meinem Leben ja schon viele Pflanzen gesehen, aber diese hier ist mir gewiss neu.“

„Es handelt sich um einen Dragor.“

„Dragor also, ja? Hm …“ Diesen Namen hatte er noch nie gehört.

„Denken Sie jetzt bitte nicht, dass sie aus einer Kleinstadt in Dänemark kommt. Das tut sie nämlich ganz bestimmt nicht.“

„Hmm …“, grübelte Samuel. „Und woher stammt sie dann?“

„Diese Frage kann ich Ihnen leider nicht genau beantworten, da man sich über den Ursprung noch nicht im Klaren ist.“

„Interessant. Hm, da wird Google mir sicherlich weiterhelfen können.“

„Google hat nicht die Antwort auf alles“, belehrte sie ihn. „Aber versuchen Sie Ihr Glück, nur zu.“

Samuel trat näher an den Dragor heran. „Sie sieht echt märchenhaft aus. Ihre Blätter wirken fast schon hypnotisch auf mich. Hm, als ob sie unbedingt möchte, dass ich sie mit nach Hause nehme.“

„Was Sie auch tun werden.“

Über diese fast schon auffordernden Worte konnte er nur müde Lächeln. „Für Geld kann man ja bekanntlich vieles, nicht?“

„Oder für wenig.“

„Was soll das Schmuckstück denn kosten?“, fragte er interessiert.

„Ich schenke sie Ihnen.“

Damit hatte Samuel in keiner Weise gerechnet. „Wie jetzt?“

„Als Entschuldigung dafür, dass der Alarm Sie vorhin erschreckt hat.“

Samuel warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Ihr Ernst?“

„Sie gehört Ihnen.“

„Hmmm“, machte er nachdenklich. „Das ist zwar sehr nett von Ihnen, aber ich weiß doch gar nicht, wie ich dieses Riesenteil – ich meine, es ist größer als ich, und ich bin mit meinen 1,90 nicht gerade sehr klein – pflegen, geschweige denn nach Hause transportieren soll.“

„Sie ist federleicht und benötigt nur selten etwas Wasser.“

„Federleicht also, ja?“

„Wenn ich sie tragen kann, dann kann es ein durchtrainierter Mann, wie Sie es sind, doch sicherlich auch.“

„Sie haben den echt allein getragen?“, wunderte Samuel sich. „Allein die Erde wiegt doch sicherlich so einiges. Und dieser Stamm …“

„Probieren Sie es aus. Sie werden positiv überrascht sein.“

Tief atmete Samuel durch und sah die Verkäuferin kurz mit einem unsicheren Lächeln an. Wenn er die Pflanze nicht hochbekommen würde, hätte er sich bis auf die Knochen vor ihr blamiert. Er spannte die Armmuskeln an, ging in die Knie und packte zu. Schon jetzt sah er sich vor seinem geistigen Auge verzweifelt dabei zu, den Giganten hochzuheben. Doch dann die Verwunderung. Dragor war wirklich leicht. „Hm, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.“

Sie lächelte bis über beide Ohren. „Wie ich es Ihnen bereits gesagt habe.“

„Hm, sehr seltsam.“

„Ich gebe vorne Bescheid und stelle den Baum an den Eingang. So können Sie Ihren Einkauf in aller Ruhe fortsetzen.“

„Und Sie sind sich wirklich sicher, dass diese Pflanze umsonst ist, ja?“ Das Misstrauen wollte nicht abklingen. Noch nie hatte eine fremde Person ihm etwas derartig Schönes schenken wollen.

„Ist sie“, versprach die Verkäuferin.

„Und sie wird nicht geklaut, wenn Sie die unbewacht am Eingang stehen lassen? Ich meine, es leben gierige Menschen unter uns.“

„Machen Sie sich darum mal keine Sorgen. Ich werde einfach so lange neben dem Dragor stehen bleiben.“

So viel Nettigkeit überforderte Samuel enorm. Sollte er das Geschenk annehmen? Einerseits war das Gewächs wunderschön und vermutlich sehr selten. Andererseits müsste er Platz im Wohnzimmer schaffen und die Zamioculcas woanders hinstellen.

„Sie wären einer der wenigen auf diesem Planeten, der einen Dragor besitzen würde“, lockte sie ihn das Geschenk endlich anzunehmen. „Es würde Sie zu etwas ganz Besonderem machen. Jeder Ihrer Freunde wäre neidisch auf Sie. Man wird Sie bewundern und Sie unter Tränen anflehen, einen Ableger abzugeben.“

Worte, die Samuel wie unter Hypnose vernahm. Nur zu gern würde er Mirandas blödes Gesicht sehen, die noch nie Glück mit Blumen gehabt hatte. Andauernd vertrockneten ihre oder sie übergoss sie, weil sie es zu gut mit ihnen meinte.

„Etwas ganz Besonderem“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Ich nehme sie!“, entschied Samuel unverzüglich.

„Ja, sehr gut“, sagte sie kaum vernehmbar.

„Sie wird sich sicherlich schön in meiner Altbauwohnung machen.“

„Oh, ja, das wird sie. Das wird sie.“

Samuel freute sich sehr und das ließ er sie mit einem breiten Grinsen wissen.

„Darf ich den Dragor dann an mich nehmen?“

„Ja, natürlich“, meinte er und überreichte ihr die Pflanze.

„Kaufen Sie ruhig in aller Ruhe ein. Ich warte vorne am Eingang auf sie.“ Mit einem charmanten Lächeln zwinkerte sie ihm zu und ging sodann davon.

„Verrückt“, flüsterte Samuel und sah ihr einen Moment lang nach, ehe er seinen Einkauf fortsetzte.   

 

Als Samuel die Ware aufs Band legte und zu Frau Djabal sah, war er verwundert darüber, dass keiner der vorbeilaufenden Kunden zum Dragor schaute. Sie schenkten dem Grün keinerlei Beachtung, als ob jeder solch eine göttliche Pflanze besitzen würde. Die Leute wissen die schönen Dinge des Lebens einfach nicht mehr zu schätzen, dachte er und blickte zu den Tageszeitungen, die in einem Regal über dem Fließband lagen. Frau tötet Schwangere und schneidet ihr Baby aus dem Bauch, las er. Ein Absatz daneben: 40 Prozent der Deutschen finden Homoküsse ekelhaft. Im untersten Kästchen: AfD bei zehn Prozent. Samuel war es leid, stets nur Horrormeldungen zu lesen.

 

Frau Djabal lächelte den zukünftigen Besitzer des Dragors freudig an, als er sich ihr näherte. „War alles zu Ihrer Zufriedenheit?“

„Ja, klar“, erwiderte er und setzte den vollgestopften Rucksack auf.

Stolz deutete sie auf den Dragor. „Er gehört ganz Ihnen.“

„Hm“, machte Samuel, der sein Glück immer noch nicht fassen konnte. „Ich kann mich echt nur bei Ihnen bedanken.“

„Nicht der Rede wert.“

Samuel ging in die Knie und nahm die Pflanze an sich. „Spielt es eigentlich eine Rolle, wohin ich sie stelle? Ich meine, direkt in die Sonne oder eher schattig?“

„Dem Dragor macht die Sonne absolut nichts aus. Sie können mit ihm ruhigen Gewissens durch die Hitze laufen und ihn ebenfalls ans Fenster stellen. Das bleibt vollkommen Ihnen überlassen.“

„Ist echt warm draußen, nicht?“

„Ist es“, bestätigte sie. „Allerdings nichts Ungewöhnliches für einen Tag im Juni, finden Sie nicht?“

„Stimmt auch wieder. Nun gut. Ich danke Ihnen auf jeden Fall.“

„Immer wieder gern, Sam. Alles Gute.“ Beim Davongehen berührte sie kurz seine Schulter.

Gerade als Samuel sich auf die Socken machen wollte, kam er ins Stutzen. Woher kannte Frau Djabal seinen Namen? Fragend wandte er sich um und hielt Ausschau nach der mysteriösen Verkäuferin. Nirgends war sie zu sehen. „Hm“, machte er gedankenvoll. Wahrscheinlich, so dachte er, hatte er ihr seinen Namen verraten, es aufgrund dieser Überraschung nur vergessen. „Dann wollen wir dich mal in dein neues Zuhause bringen.“ Samuel machte sich auf dem Heimweg. Dass ihn Fußgänger mehrfach beim Vorbeigehen anrempelten und sich nicht einmal dafür entschuldigten, fand er höchst respektlos.