BREAKAWAY

29.03.2018

 

Was ist Liebe?

Glaubt man der Wissenschaft, so sind verschiedene Botenstoffe für die Euphorie verantwortlich. Adrenalin, Endorphin, Cortisol … sie haben für alles eine Erklärung. Nach knapp drei Jahren soll dann dieser Rauschzustand, den man anfangs erlebt hat, vorbei sein. Das Gehirn soll sich angeblich wieder normal verhalten – was stimmt mit meinem nicht? Was interessiert mich das Testosteron, die Pheromone oder der Serotoninspiegel, wenn meine Gefühle seit über zwölf Jahren konstant bleiben? Ich kann es ja selbst kaum glauben, aber ich vermisse ihn immer noch. Nie kamen wir uns wirklich näher, und dennoch sehne ich mich nach einem Menschen, der es eigentlich nicht wert ist, geliebt zu werden – zumindest nicht von mir.

Wären wir nach all den Jahren noch zusammen, wenn sich unsere Wege nicht getrennt hätten? Ist er ein guter Liebhaber? Kann er küssen und ist er romantisch veranlagt? Würden sich seine Hände sanft auf meiner Haut anfühlen, und sind seine Worte wohltuend für die Seele? Selbst wenn ich all diese Fragen mit Nein beantworte, kann ich nicht aufhören, über ihn nachzudenken. Zugegeben: Es ist jedoch nicht so, dass ich jetzt jeden Tag von morgens bis abends über ihn philosophiere, nein. Oft habe ich ihn vergessen können, bis er zurückkehrte – zurück in meine Träume … wieder und wieder. Ich hasse es … will es nicht mehr. Habe es satt, mir dauernd die gleiche Frage zu stellen: Was wäre wenn?

Dieses „wenn“ existiert nicht – nicht in diesem Leben, oder doch? Nein, er hat mich nicht verdient. Sein gutes Aussehen hat mich geblendet. Diese Augen getäuscht … innerlich ist er kalt. Ein Macho mit hohen Ansprüchen. Selbstverliebt, arrogant, ein Heuchler! In der Gruppe stark, allein so schwach.

Dennoch bekomme ich ihn einfach nicht aus meinem Kopf. Er ist da – warum? Gibt es dafür auch eine wissenschaftliche Erklärung? Verletzt hat er mich … mich mit Worten beleidigt … und doch empfinde ich keinen Hass. Wo ist mein Hass? Nur das Beste dieser Welt wünsche ich ihm, während er mich wahrscheinlich, ohne mit der Wimper zu zucken, erschießen lassen würde.

Wenn wir uns in meinen Träumen begegnen, dann fühlt es sich so real an. Es ängstigt mich. Wir sind uns so nah und doch so fern. Kein Bild von ihm schmückt meine Wand, und doch kann ich ihn sehen, mich an seine Stimme erinnern.

War es schon immer eine einseitige Liebe gewesen?

Schlaflose Nächte überstehe ich mit den Gedanken an ihn. Eine seltsame Liebe. Normal tickt mein Hirn wirklich nicht. Aber wie er einst schon behauptete, gehöre ich wahrscheinlich wirklich in die Klapse, weil ich ihn liebe. Ist es Liebe? Vielleicht ist es ja auch etwas ganz anderes. Möglicherweise bin ich wahnsinnig – das wird es wohl sein. I ´m obsessed. Besessen von einem Gefühl. Ein Gefühl, das mich kontrolliert. Ich will es nicht mehr haben. Ich wünschte, ich könnte mich endlich von diesem Verlangen lösen … dieser Vorstellung … dieser Hoffnung. Manchmal, da wünschte ich, dass wir uns niemals begegnet wären. Vieles wäre einfacher.

Wird es jetzt mein ganzes Leben lang so ablaufen?

 

1. KAPITEL

 

Mit dem Blick auf die Teletextuhr wurde er nervös. Sieben Uhr zehn. Lief der Sekundenzähler schneller als sonst oder kam es ihm nur so vor?

„Kyle!“, rief Tina, die Mutter des Teenagers, von der Wohnzimmercouch aus, nachdem es an der Haustür geklopft hatte.

„Ja?!“, brüllte er entnervt zurück und betrachtete sich, wie so oft an diesem Morgen, im Spiegel. Kyle war nervös und fuhr ständig über sein kurzes blondiertes Haar. Jede Strähne sollte perfekt sitzen und er tat wirklich alles dafür – mittlerweile seit über einer halben Stunde. 

Wieder klopfte es. „Kyle!“, lärmte Tina.

„Ich gehe ja schon!“, stöhnte er und nahm seinen blauen Rucksack. Er öffnete seine Zimmertür und erschrak, als ihm seine Mom entgegen kam.

„Und du gehst zur Schule, mein Freund!“, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger.

„Wohin sonst?“, fragte er und begab sich hinaus.

„Moin“, begrüßte er seine beste Freundin Sabine, die mit ihrem Bruder im Hausflur stand. Ihre gekrümmte Haltung erinnerte ihn an den Glöckner von Notre Dame.

„Er geht zur Schule!“, sagte Tina mahnend zu Sabine.

„Keine Angst“, antwortete Sabine schweren Herzens. „Ich passe schon auf, dass er hingeht.“ Sie warf Kyle einen frechen Blick zu. Kyle rollte die Augen.

„Ja, wir gehen zur Schule“, freute Marco sich. Seine Stimme klang für Kyle wie die einer Oberschwuchtel. Grauenvoll. Viel zu hoch – viel zu tuntig und sein Aussehen war auch nicht gerade das, was man männlich nennen konnte.

„Und wehe, du gehst nicht hin!“, mahnte Tina noch einmal, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

„Was für ein schöner Tag das doch ist“, murmelte Sabine ironisch, als sie die ersten Stufen der Treppe hinunterging und fast über ihre überdimensional großen Füße, die in nicht gerade schönen Sandalen steckten, stolperte. Die Jungs kicherten.

„Lacht nicht!“, maulte Sabine beschämend. Schnell kam sie auf Kyles Mutter zurück. „Deine Mutter ist ja wieder mal gut gelaunt.“  

„Wie immer“, seufzte Kyle und spähte kurz auf Sabines Schuhwerk. Wenn er eines am menschlichen Körper unattraktiv fand, dann waren es Füße. Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken.

„Auf Wiedersehen Sommer 2005“, trauerte Sabine und öffnete die große blickdichte Glastür. „Willkommen, bittere Realität“, jammerte sie, als sie nach vorn über die vielen Mülltonnen zum abgeernteten Weizenfeld schaute.

„Sind doch nur vier Stunden“, erinnerte Kyle sie und ging die fünf Stufen vor ihm hinunter. „Wird schon.“

„Ja toll!“, klagte sie. „Die haben dich gefälligst in meine Klasse zu stecken!“, forderte sie von Kyle – etwas, was sie bereits den ganzen Sommer über getan hatte.

Als ob ich darüber entscheiden könnte, dachte er nun schon zum tausendsten Mal. Zwei neunte Klassen gab es und in eine wollte Kyle absolut nicht, und zwar in die von Sabine. Bei dem Gedanken an Sabines Mitschüler lief ihm jedes Mal ein eiskalter Schauder über den Rücken. Gesagt hatte Kyle es ihr allerdings nicht. Hätte er es getan, dann wäre Sabines rotes Haar höchstwahrscheinlich noch dunkler geworden, denn eines beherrschte sie nämlich wie keine andere – die Kunst sich aufzuregen. Wenn ihr etwas nicht passte, dann bekam sie stets diesen irren Blick. Ihre Augen wurden dann ganz groß und ihr breiter Mund formte sich zu einem überdimensionalen Loch, aus dem nur verbaler Müll herauskam. Nein, das wollte er nicht. Auf keinen Fall!

Sabine, die sich bei jeder Gelegenheit eine rauchte, zündete sich eine ihrer selbst gestopften Sargnägel an und spuckte auf dem zehnminütigen Weg zur Bushaltestelle fortlaufend auf den Boden. Ihr Gang erinnerte dabei an eine Ente.

Kyles Magen begann sich umzudrehen. Bah!, wütete er innerlich, während er in seinem Rucksack nach seinen Zigaretten kramte.

„Ich habe voll keine Lust!“, klagte Sabine.

„Es wird auch nicht besser, wenn du dich ständig wiederholst“, murrte Kyle und zog an seiner Fluppe. „Kannst du nicht mal gerade gehen?“, fragte er mit einem Blick auf Sabines komischen Pisspott-Haarschnitt.

„Wieso sollte ich?“ Sie rotzte auf den Boden.

„Das ist ekelig“, giftete Marco, der immer vergebens versuchte, sich in das Gespräch mit einzubringen. Mit Absicht pustete sie den Qualm in das Gesicht ihres einen Kopf größeren Bruders. „Bine!“, hustete er.

„Tja“, sagte sie. „Selbst schuld! Was rauchst auch nicht?!“

Ihre von sich gegebenen Sätze waren für Kyle oft ein mysteriöses Rätsel, das er einfach nicht lösen konnte. Dachte sie überhaupt nach, bevor sie etwas von sich gab?

Ihren Bruder, der ständig irgendetwas vor sich hinplapperte, überhörte er. Noch nie hatte er das Kauderwelsch verstehen können. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er es einfach nicht wollte.

„Linus!“, grölte Sabine unerwartet.

„Nicht die Olle!“, fluchte Linus, der auf dieselbe Schule ging wie die Drei, die sich ihm gerade näherten. Mit einem gespielten Lächeln drehte er sich zu ihnen um.

Dem Teufel sei Dank!, dachte Kyle. Manchmal konnte Sabine ein wenig anstrengend werden. Fast den ganzen Sommer über hatte Kyle sie tagtäglich ertragen müssen. Da tat ein wenig Abwechslung, wie eine vernünftige Konversation, die er oft mit Linus führte, mehr als nur gut.

„Na!“ Sabine schlug ihm rabiat auf die Schulter.

Flüchtig blickte Linus zu ihr. „Morgen.“ Schnell sah er zu Kyle. Sein Gesichtsausdruck sagte alles. Kyle wusste sofort Bescheid und musste sich das Schmunzeln verkneifen. 

„Wie läufst du eigentlich schon wieder rum?“, stänkerte sie.

Fragend schaute Linus an sich hinab. Zugegeben – er war nicht gerade sehr modebewusst und viel Geld besaßen seine Eltern auch nicht, doch er verstand Sabines Vorwurf nicht. Viel besser gekleidet war sie nämlich auch nie. Oft trug sie ein kurzes Top, um ihre nicht vorhandenen Brüste zur Schau zu stellen, eine etwas weitere Hose, - meistens Baggys, die sonst nur Jungs trugen – oder auch, so wie heute, viel zu knappe Pants. Er hingegen trug ausgewaschene Jeanshosen, für gewöhnlich ein kariertes Hemd und normale Sportschuhe, die zugegebenermaßen schon etliche Kilometer hinter sich hatten.

„Kein Tittchen, sieht aus wie Schneewittchen“, konterte er gelassen.

„Ey!“, keifte sie und glotzte hastig zu Kyle. Verwirrt sah er sie an. „Du läufst auch nicht viel besser rum!“, kritisierte sie ihn und schnippte den übrig gebliebenen Stummel auf die Straße. Sofort griff sie zur nächsten Zigarette.

Linus schüttelte den Kopf und dachte sich seinen Teil. Dabei hatte sich Kyle an diesem Morgen besonders viel Mühe gegeben. Ein weißes Hemd, das er am Vorabend extra gebügelt hatte, eine blaue Jeans und schicke schwarze Sneakers.

„Kein Wunder, dass dich die anderen für schwul halten“, spöttelte sie.

Aus jüngsten Gesprächen wusste Linus, dass Kyle derzeit ganz andere Probleme hatte, als sich Gedanken über Sabines bescheuerte Bemerkungen zu machen. „Ist doch seine Sache, wie er herumläuft!“

„Jetzt sei doch mal ehrlich!“, meckerte sie. „Wer läuft denn bitteschön so herum?!“

Und während sie sich, wie so oft, zankten, dachte Kyle nur über eines nach – die neue Klasse. Würde er tatsächlich in Sabines kommen oder doch ins kalte Wasser geschubst und ganz neue Leute kennenlernen?

 

An der Bushaltestelle angekommen, guckte Kyle auf seine Armbanduhr. „Noch drei Minuten“, seufzte er.

„Ach, menno!“, nörgelte Sabine und zündete sich erneut eine Kippe an.

„Jammer nicht herum“, verlangte Linus.

„Du hast ja auch leicht reden!“, plapperte sie. „Du musst ja nur noch dieses Jahr!“

„Und ich muss noch drei!“, warf Marco beleidigt ein.

„Ach, du!“, sagte Sabine abwertend. „Das soll uns doch egal sein.“

„Bine!“, knurrte er.

„Ts“, tönte es aus ihr mit einer abwertenden Handbewegung. „Ich fühle mich heute so alt“, stöhnte sie nun.

„Du bist doch erst – wie alt … fünfzehn?“, stutzte Linus.

„Na und?!“, fauchte sie. „Bei dieser Hitze kann man sich doch nur alt fühlen.“

Linus schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Jahr älter und mir geht es bestens.“

„Freu dich doch!“, murrte sie.

„Mache ich auch“, grinste er frech. „Vielleicht solltest du mehr Sport machen und weniger rauchen.“ Böse glotzte Sabine ihn an. Er wusste, dass er sie so auf die Palme bringen konnte. Sie zu verulken, war stets ein Hochgenuss.

„Bin ich denn bescheuert?!“, wütete sie. „Mach doch selbst Sport!“

„Mach ich, und das mit Vergnügen.“

Sie wandte sich von ihm ab und ging zu Kyle. „Der ist doch bescheuert, nicht?!“

Doch Kyle gab ihr keine Bestätigung. „Du bist jünger als ich und viel schneller außer Atem. Vielleicht solltest du echt weniger rauchen.“

In Sabine begann es zu brodeln. „Du bist gerade mal zwei Monate älter, und soweit ich weiß, schwänzt du doch selbst immer den Sportunterricht!“

Kyle zuckte die Achseln.

Marco kicherte sich einen ab. „Aber echt, Schwesterherz. Mach mal Sport, damit deine Titten wackeln.“

 Ihr verächtlicher Blick sagte alles. „Du sei mal ganz ruhig. Mit deinen vierzehn Jahren kannst du noch gar nicht mitreden. Dies ist ein Gespräch unter Erwachsenen.“

Linus brach in Gelächter aus. „Ein Erwachsenengespräch“, quiekte er, während Kyle schmunzelte.

Sabine war alles andere als erfreut. „Macht euch ruhig lustig über mich!“ Beleidigt begab sich hinüber zur Bank. „Lacht nur.“

„Oh man“, kicherte Kyle. „Manchmal bist du echt zum Abschießen komisch.“

„Ts.“

„Ich sehe ihn.“ Linus sichtete den Bus.

„Boah ey!“, klagte Sabine erneut. „Und dann ist der gleich wieder proppenvoll, wetten?!“

„Bine“, seufzte Marco. „Die steigen doch alle bei der nächsten Haltestelle aus.“

„Das weiß ich selbst!“

Oh Mann!, dachte Linus. Bin ich froh, wenn ich das alles hinter mir habe!

Der Bus hielt an. Seine Kapazität war mehr als nur begrenzt. Selbst das Stehen wurde zu einer Tortur, doch das nahm beim nächsten Stopp ein Ende. Schnell ergatterten die Realschüler einen Viererplatz. Da keiner von ihnen wirklich beliebt war, schwiegen sie während der fünfzehnminütigen Fahrt. 

 

Am Zielort angekommen, stiegen die vier Schweigenden aus und liefen extra ein wenig langsamer, um von den anderen Schülern Abstand zu bekommen. Erst als sie um die Ecke gebogen waren und die Schule, deren Mauern aus braunem Gestein bestanden, sahen, gebrauchten sie ihre Stimmbänder wieder.

„Ach, Mann!“, jammerte Sabine, die am liebsten wieder den Rückweg angetreten wäre. „Das ist doch ein Scheiß!“

Linus musste sich das Lachen verkneifen. Kyle hingegen war total in sich gekehrt.

Plötzlich zerrte Sabine an Kyles Arm. 

„Hey!“, meckerte Kyle. „Ich kann alleine laufen!“

„Wir gehen jetzt sofort zu meinem Lehrer und sagen ihm, dass du in meine Klasse kommst, basta!“

„Der Arme“, wisperte Linus. Grienend sah er den beiden hinterher und begab sich dann zu seinen Kameraden, die schon auf ihn warteten. Marco sichtete ein bekanntes Gesicht und freute sich. 

 

„Wo ist er?!“, rätselte Sabine, die mit Kyle quer über den Schulhof ging. Suchend schaute sie sich um. Ihre Augen erfassten fast jeden, der sich in unmittelbarer Nähe befand. Bei den wenigen Fahrradständern befand sich der Gesuchte schon mal nicht. Wo also dann? Vielleicht hinter der Schule – bei der Sporthalle? Das wollte sie sofort wissen. Sabine drehte sich um und erblasste, als unerwartet eine kleine Lehrerin vor ihr stand.

„Einen wunderschönen guten Morgen!“, lächelte die fast sechzigjährige Lehrerin, die ein wenig korpulent war.

„Haben Sie meinen Lehrer gesehen?“, wollte Sabine von der erfreuten Pädagogin wissen.

„Erst mal einen wunderschönen guten Morgen!“

„Ja, guten Morgen, Frau Bach“, schwafelte Sabine, deren Augen weiter Ausschau hielten. 

„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich auch dir, mein lieber Kyle.“

„Morgen“, gab er freundlich zurück.

„Und?“, erkundigte sie sich neugierig. „Schon aufgeregt wegen deiner neuen Klasse?“

„Er kommt in meine Klasse“, stellte Sabine sofort klar. Frau Bach erkannte sofort, dass Kyle darauf nun wirklich keine Lust hatte. Aber Sabines Vorhaben würde sowieso scheitern, das wusste die braunhaarige Pädagogin.

„Das wollen wir ja erst einmal sehen, denn der liebe Kyle wird mit Sicherheit in meine Klasse kommen.“

„Nein, in meine!“, widersprach Sabine.

Kyle fühlte sich geschmeichelt. Gleich zwei Frauen stritten sich um ihn. Ich bin ein Objekt der Begierde, schmunzelte er im Geiste. Liegt bestimmt an meinen wunderschönen blauen Augen. Dumm war nur, dass ihn Frauen, egal ob jung oder alt, so überhaupt nicht interessierten. Doch das konnte ja keiner der beiden Diskutierenden erahnen.

Wobei Frau Bach schon beim ersten Aufeinandertreffen mit Kyle das Gefühl gehabt hatte, dass er anders als die anderen war. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie ihm im letzten Schuljahr dazu geraten hatte, die Klasse zu wiederholen. In ihrer Klasse würde es ihm besser gehen, das wusste sie einfach. Und nach all dem, was der junge Kyle in der Vergangenheit mitgemacht hatte, würde es ihm gut tun, in ein gesittetes Umfeld mit anständigen Schülern zu kommen. Weit weg von denen, die ihn einst in Mülltonnen gesteckt, bespuckt oder beleidigt hatten.

„Wir werden es ja sehen!“, fluchte Sabine.

„Ja, das werden wir.“ Innerlich amüsierte sie sich köstlich über das Verhalten der Aufgebrachten.     

Sabine entdeckte ihren Lehrer. „Herr Schmund!“, brüllte sie quer über den Schulhof.

Der große Lehrer mit dem gelben Oberlippenschnurrbart drehte sich um. Och, nicht die! Schnell setzte er eine freundliche Miene auf. „Sabine!“

„Kyle kommt doch in unsere Klasse oder?!“, bettelte sie schon fast.

Herr Schmund blickte flüchtig zu Kyle, der genervt zu sein schien, und sagte: „Das entscheidet der Rektor und nicht ich.“

„Boah, ey!“, meckerte Sabine und zog Kyle unverzüglich ins Innere der Schule, die nicht gerade groß war. Durch die gläserne Edelstahltür, links an den Toiletten vorbei und stampfend durch den Pausenraum, der lustigerweise in jeder Pause unpassierbar war. Das Ziel war angepeilt. Noch ehe sie das Lehrerzimmer erreichten, ertönte die Schulglocke.

„Boah, ey!“, maulte sie und ging etwas schneller weiter. Kyle folgte ihr wortlos. Und während die meisten Schüler bereits den Weg in ihre Klassen fanden, standen Sabine und Kyle vor dem Sekretariat – wartend auf den Mann mit Bart, den Rektor.

„Ist hier das Sekretariat?“, wurden sie überraschend von einer Brünetten gefragt.

Sabine musterte die Fremde mit zugekniffenen Augen. Ihre schicke Aufmachung war Sabine ein Dorn im Auge. „Bist du neu hier?“, fragte sie und rückte der Fremden auf die Pelle. 

„Ja. Ich suche das Anmeldezimmer.“

„Du stehst davor“, witzelte Sabine. „In welche Klasse kommst du denn?“, wollte sie sofort wissen.

„In die Neunte“, antwortete die Neue und betrat das Sekretariat.

Die Frau hinter dem Schreibtisch guckte sie fragend an. „Ja, bitte?“

„Ich bin neu hier und muss zum Rektor. Ich habe hier zwar ein paar Zettel“, sie kramte in ihrem Rucksack, „aber ich weiß nicht, wohin ich muss.“

„Der Rektor kommt gleich. Ein wenig Geduld, bitte.“

Dass die Sekretärin nicht auf ihre Zettel einging, nicht einmal einen Blick darauf warf, störte die Brünette. Sie zog ein strapaziertes Gesicht und begab sich wieder hinaus.

Sabine hatte natürlich alles mitgehört und stellte sofort klar: „Ihr kommt beide in meine Klasse, ganz einfach.“

„Wieso?“, stutzte sie. „In welche Klasse geht ihr denn?“

„In die Neunte“, erwiderte Sabine.

„Wie viele gibt es denn?“, erkundigte die Neue sich eilig. 

„Zwei.“

„Und ihr geht beide in dieselbe?“

Kyle zuckte die Achseln.

„Ich warte auf den Rektor“, erklärte Sabine. „Ich will, dass Kyle in meine Klasse kommt. Er ist nämlich im letzten Jahr sitzen geblieben.“

Für Kyle eine total unangenehme Situation. Musste Sabine die Fremde sofort darauf aufmerksam machen?

„Ich auch“, gab die Neue unerwartet zurück.

„Echt?!“, staunte Sabine. „Von welcher Schule kommst du denn?“

„Gymnasium.“

„Ach ne, ey!“, erschreckte Sabine sie mit einem unheimlichen Laut und begann vor sich hinzugackern. 

„Was denn?“

„Ach ...“, erzählte Sabine schleppend. Kyle rutschte das Herz in die Hose. „Wir kennen da so einen Typen, ey, der hat voll einen an der Waffel!“

„Wer denn?“

„Jan Bauer … kennst den?!“

„Sagt mir nichts.“

Kyle fiel ein dicker Stein vom Herzen.

„Wie heißt du überhaupt?“, fragte Sabine sie mit einem gemeinen Grinsen.

„Michelle“, stellte sie sich vor.

„Ich bin Sabine und das ist Kyle.“

Michelle nickte nur und blickte ungeduldig ins Sekretariat.

„Wir sagen dem Rektor, dass ihr beide in meine Klasse kommt!“

Nun konnte Kyle es wirklich nicht mehr hören. Klasse hier, Klasse da, dachte er und beäugte Michelle kurz. Er erkannte, dass Michelle genau so wenig begeistert von Sabines Vorhaben zu sein schien wie er selbst.

„Der soll sich mal beeilen!“, murrte Michelle, als sie auf die Uhr sah, die in der Pausenhalle an der Wand hing.

Endlich ging die Tür auf. Der große Rektor mit dem zotteligen Bart kam hinaus und begrüßte die Drei mit rätselnder Miene. „Was kann ich für euch tun?“

„Herr Ping“, drängelte Sabine sich an Michelle vorbei. „Kyle kommt in meine Klasse oder?“

Herr Ping musterte kurz Kyles Mimik. „Nein. Er kommt zu Frau Bach!“

„Aber Herr Ping!“, meckerte Sabine. „Wieso denn?!“

„Kein Aber!“ Der Rektor sah gar nicht ein, mit ihr zu diskutieren. „Und nun ab in deine Klasse!“

Beleidigt wie ein Kleinkind trampelte Sabine davon.

„Und wer bist du?“, wollte der Rektor von Michelle wissen.

„Michelle. Ich bin neu“, erklärte sie und streckte dem Rektor ihre mitgebrachten Unterlagen entgegen.

Der Schulleiter warf einen kurzen Blick darauf. „Dann gehst du in dieselbe Klasse wie Kyle.“

Ein erleichtertes und leises „Danke“ flog ihr aus dem Mund.

„Ich lasse euch doch nicht zu Sabine“, feixte er mit einem Zwinkern. „Und nun ab mit euch!“

Michelle nickte und flitzte davon. Kyle folgte ihr rasch. „Gleich am ersten Tag zu spät!“, fluchte Michelle.

„Ja, total peinlich.“

„Aber so was von! Wo ist die Klasse denn?“

„Rechts durch die Tür, geradeaus und da vorn irgendwo.“ So wirklich wusste Kyle es selbst nicht. 

Michelle drückte die Tür auf und rümpfte die Nase, als sie durch den kleinen Gang gingen, in dem sich die Toiletten befanden. „Ekelhaft! Da hätten sie sich echt etwas Besseres einfallen lassen können.“

„Wem sagt du das?“, seufzte Kyle. Wieder öffnete Michelle eine Tür und fühlte sich abrupt etwas verloren. „Müssen wir jetzt links?“, fragte sie und huschte um die Ecke. Sie blickte auf das Schild neben der Klassentür. „7 A“, las sie. „Das muss weiter den Flur entlang sein.“

„Bestimmt am Ende oder so“, murmelte Kyle, dessen Magen sich mit jedem Schritt ein wenig mehr zusammenkrampfte. Gleich würde er die Höhle des Löwen betreten. Wie gern wäre ich doch jetzt woanders. Weit entfernt … auf einer schönen Insel mit hübschen Männern.

„Ich fange an zu schwitzen“, sang Michelle vor sich hin. „Die denken gleich bestimmt, dass wir aus irgendeinem Gebüsch kommen oder so.“

Ihre lockere Art entspannte Kyle ein wenig. Hatte er in ihr bereits eine neue Freundin gefunden, der es vielleicht egal war, wie und vor allem, wer er in Wirklichkeit war?

„Da ist es!“ Michelle war leicht außer Atem. „Oha“, seufzte sie und klopfte an. Da sie nichts hörte, ging sie einfach hinein. Kyle folgte ihr und schloss die Tür schnell hinter sich.

„Ach!“, staunte Frau Bach. „Wer ist denn die Hübsche hier?“

„Michelle. Der Rektor hat mich und ihn hier“, sie blickte über die Schulter, „aufgefordert in ihre Klasse zu gehen.“

„Kyle!“, freute Frau Bach sich. „Ja, dann …“

Verschwitzt krampfte Kyle seine Hände ineinander.

„Da hinten“, sagte Frau Bach, „sind noch zwei Plätze frei.“

Michelle nickte und begab sich auf den ersten davon. Kyle setzte sich rasch hinter die Neue.

„Ja“, lächelte Frau Bach in die Runde. „Wir haben mehrere neue Schüler und ich hoffe mal, dass ihr euch bestens miteinander verstehen werdet.“

Kyle schluckte und versuchte nicht aufzufallen.

„Dann wollen wir mal“, sprach Frau Bach ein wenig nervös. „Ich verteile gleich die neuen Bücher und ihr nehmt jetzt bitte einen Stift heraus und ein Blatt natürlich. Ich werde euch nämlich genau jetzt euren neuen Stundenplan mitteilen.“

An alles hatte Kyle an diesem Morgen gedacht. Schicke Kleidung, gemachtes Haar, Geld für Essen und Trinken, Zigaretten, einen Stift – nur den Block, den hatte er zu Hause liegen lassen. Er starrte auf Michelles Hinterkopf und zögerte. Soll ich sie fragen? All seinen Mut nahm er zusammen und tippte ihr vorsichtig auf die Schulter. Sie drehte sich fragend um. „Hast du vielleicht ein Blatt?“, raunte er beschämend.

„Ja klar.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen riss sie gleich zwei Blätter heraus und überreichte sie ihm. 

„Danke“, wisperte Kyle und registrierte plötzlich einen Schüler, der ihn heimlich musterte. Er saß ganz vorn, direkt am Fenster. Sein kurzes braunes Haar schimmerte im Glanz der Morgensonne – funkelte fast schon. Doch Kyle ignorierte ihn schnell wieder und widmete sich dem Stundenplan, den die Lehrerin mit Freude vorlas.

Dass der junge Schüler mit den Bartstoppeln Kyle weiterhin beäugte, bemerkte nun auch Frau Bach. Erst begann sie zu schmunzeln, meinte dann aber laut: „Adam!“

Er erschrak und setzte sich prompt aufrecht hin. Ein leises Kichern flog durch den Raum.

„Hast du dir den Stundenplan auch schön notiert, ja?“, fragte sie skeptisch.

„Ja, ja … sicher“, stotterte er.

Adams Stimme klang für Kyle ein wenig nasal. Ein wenig erinnerte ihn diese auch an die Klangfarbe von Brian Littrell – mit einem Touch von John Sutherland. 

„Ja, wirklich?“, erkundigte sie sich erneut. Adam summte zustimmend.

„Wer hat es dir denn angetan?“, wollte sie auf einmal wissen. Geschockte Augen starrten sie an. Locker lassen wollte sie noch nicht. „Ist es die Neue – unsere Michelle?“

„Häh?“, stutzte Michelle und blickte nach vorn. „Was?“

Alle fünfundzwanzig Augenpaare sahen nun kurz zu der Neuen.

Kyle wurde erst jetzt richtig bewusst, dass er keins der Gesichter je zuvor gesehen hatte. Dabei hatte die Schule doch gerade mal rund vierhundert Schüler. 

Vor sich hinschweigend blinzelte Adam vorsichtig hinüber zu Kyle.

„Oder ist es vielleicht eine ganz andere Person?“, bohrte Frau Bach weiter, während ihre Schüler schmunzelten. 

Adam lief rot an und stierte auf den Zettel vor sich. Bloß nicht auffallen, dachte Adam. Ihm wurde ganz warm. Zum Glück wandte Frau Bach sich wieder von ihm ab.

Während der ersten beiden Stunden bemerkte Kyle immer wieder mal, dass ihn der Junge beobachtete. Warum Adam das tat, war Kyle allerdings egal. Er war einfach nur erleichtert, dass ihm keiner einen bösen Blick zuwarf.

 

Die Schulklingel ertönte. Schnell packte Kyle seine Tasche.

„Wir sehen uns nach der Pause, meine Lieben“, sagte Frau Bach. Ihre herzliche Art war für Kyle wohltuend.

Hastig stürmte Kyle hinaus und traf auf Sabine, die schon mit ernster Miene auf ihn wartete. Ihr Klassenzimmer lag im Gang genau vor seinem. So war sie stets wenige Atemzüge vorher draußen. Gemeinsam verließen sie den Schulhof. Dass dies nicht erlaubt war, störte die beiden recht wenig. Bei den Blöden wollten sie auf keinen Fall bleiben. Stattdessen begaben sie sich auf einen kleinen Spielplatz, der sich nur wenige Schritte von der Schule entfernt hinter vielen und dichten Bäumen in einer Reihenhaussiedlung befand.

„Ich finde das total Scheiße!“, beschwerte Sabine sich, ohne dabei die Fluppe aus dem Mund zu nehmen. „Der Direx hätte dich ruhig in meine Klasse stecken können!“

„Passt schon“, meinte Kyle locker und zündete sich eine Zigarette an.

„Ne, eben nicht!“, fluchte sie. Sie meckerte die ganze Pause über, doch all ihre gemeinen Worte, die sie für die Lehrer übrig hatte, waren Kyle egal. Innerlich war er dermaßen über die Zuteilung zu Frau Bachs Klasse erleichtert, dass er am liebsten in die Luft gesprungen wäre. Jedoch wollte er seine Freude vor der Aufgebrachten nicht zeigen. Hätte er es getan, dann wäre Sabine sofort ausgeflippt.

 

Keiner sagt etwas, freute sich Kyle im Geiste, als er sich im Klassenzimmer umschaute. Keiner scheint mich zu kennen. Er war erleichtert und bemerkte nach einer Weile eine Blondine, die auf der Fensterseite saß. Ihr langes Haar sah schön und gepflegt aus. Es faszinierte ihn, und als er ihr Profil erkennen konnte, war er erst recht beeindruckt. Dass er sie heimlich betrachtete, fiel Adam recht schnell auf. Mehrmals schielte Adam zu seiner Klassenkameradin und zu dem Neuen. Ein ewiges Hin und Her, und als sich die Blicke der beiden Jungs kreuzten, schien einer von ihnen entzückt zu sein. Kyle war es allerdings nicht. Hastig wandte er sich wieder den Worten seiner neuen Lehrerin zu.

 

Die Schulklingel ertönte. Endlich Schluss!, freute Kyle sich und brauste aus der Klasse. Sabine war, wie immer, vor ihm draußen. Sie winkte ihn zu sich. Gemeinsam machten sie sich auf den Nachhauseweg.

„Wartet!“, rief Marco, doch seine Bitte wurde absichtlich überhört. Schnell lief er ihnen hinterher.

„Ach, sieh mal einer an“, tönte es aus Sabine. Laut rief sie: „Linus!“

Linus schaute strapaziert. Diese Szenerie kannte er doch schon vom Morgen. Sabine grinste schäbig, als sie ihn erreichten.

„Und?“ Linus wandte sich zu Kyle. „Bist du jetzt in ihrer Klasse?“

„Nein“, antwortete er mit einem kleinen Lächeln. Sofort wusste Linus, dass Kyle mit dieser Entscheidung glücklich war. Sabine hingegen motzte auf dem Heimweg noch eine ganze Weile herum.

 

„Adam!“, rief ein Schüler mit Brille und eilte zu ihm. „Immer langsam. Deine Oma läuft uns schon nicht weg!“, beschwerte sich der Schüler.

„Ich laufe ganz normal“, gab Adam in Gedanken vertieft zurück.

„Was ist?“

„Häh?“

„Was hast du?“, wollte der fast einen Kopf Größere wissen.

„Nichts Dennis, nichts“, versicherte Adam. „Was gibt’s heute bei meiner Oma?“

„Keine Ahnung“, brummelte Dennis. „Was fragst du mich? Es ist deine Oma. Ich wohne nur im gleichen Haus.“

Adam schwieg und folgte ihm. Seine Oma wohnte direkt gegenüber der Schule in einem Mehrfamilienhaus. Oft ging Adam zu ihr, um sich vor dem Heimweg satt zu essen. Dennis war immer herzlichst eingeladen.

 

„Hallo, Dolores!“, begrüßte Dennis sie.

„Ach, Dennis!“, freute sie sich und umarmte ihn rasch. „Da seid ihr ja“, meinte sie mit einem Blick auf ihren Enkel.

„Hi“, lächelte Adam und herzte sie kurz.

„Kommt rein, kommt rein. Heute gibt es leckeren Eintopf.“

Adam runzelte die Stirn. Bei diesem Wetter?

„Ihr wollt doch groß und stark werden, oder?!“, fragte sie mit lauter Stimme. Eine zerbrechliche oder schüchterne Person war Dolores nun wirklich nicht.

„Ja, klaro“, grinste Dennis und huschte in die Küche. Adam zog sich währenddessen seine Sneakers aus und ging ins Wohnzimmer. Sorgen, dass seine weißen Socken dreckig werden könnten, hatte er nicht. Dolores gehörte nämlich zu den sehr pedantischen Menschen. Ein Krümel auf dem Boden? Niemals!

Schnell nahm Adam auf der Couch Platz und begann zu grübeln.

„Adam!“ Dolores Stimme ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. „Willst du uns nicht helfen?“

Er schüttelte den Kopf.

Tief sah sie ihm in die grünen Augen. „Was bist du so bedrückt?“ 

Nachdenklich guckte Adam sie an.

Geschwind setzte sie sich neben ihn. „Ist mit dir alles in Ordnung?“

„Ja, klar, bin nur etwas müde.“

„Der erste Schultag nach den Ferien, hm?“, grinste sie und stand wieder auf. Sie kniff ihm in die Wange und begab sich zurück in die Küche.

„Oh, Mann“, seufzte er und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

 

„Boah, ne ey!“, maulte Sabine, als sie an der Kreuzung ankamen und nicht weit von ihr entfernt das Hochhaus erkannte, in dem sie wohnte. „Wenn ich dieses Ding schon sehe, dann wird mir ganz übel!“

„Ist euch schon mal aufgefallen“, begann Marco voller Stolz zu erzählen, „dass in unserem Haus nicht so viele Asoziale wohnen wie in den beiden anderen?“

„Macht es auch nicht besser“, gab seine Schwester zurück.

„So schlimm ist es gar nicht“, stellte Kyle klar, als er auf die drei Hochhäuser, wovon eines rot und die anderen weiß waren, guckte. „In unserem ist es nicht so schlimm wie in den anderen.“

„Mag ja sein“, sagte Sabine. „Aber sei doch mal ehrlich: Sich früh morgens schon die Kante geben, ist doch auch nicht das Wahre oder irre ich mich da?“

Linus wusste, dass dies eine Anspielung auf seine Familie war. Er blinzelte nach links zu dem großen Baumarkt. „Ich gehe mir jetzt was zu essen holen.“

„Im Baumarkt?!“, rief Sabine ihm abfällig nach. Linus schüttelte den Kopf. Auf eine Antwort wartete sie vergebens, dabei konnte sie sich denken, dass er nicht in den Baumarkt, sondern zum Supermarkt wollte, der sich nur wenige Meter weiter befand. Sie spuckte auf den Boden.

„Und?“, fragte Kyle. „Was machst du heute noch so?“

„Kein Plan, Alter. Gleich erst mal wieder auf meine kleine Schwester aufpassen oder sofort mit den Hunden rausgehen.“

Kyle runzelte die Stirn. Er mochte die drei Schäferhunde von Sabine nicht. Viel zu groß und viel zu rebellisch.

„Und selbst?“

„Wahrscheinlich schickt meine Mutter mich gleich wieder einkaufen – nachdem sie mich über den ersten Tag ausgefragt hat, versteht sich.“

„Also, wie immer.“ Sie schnippte ihre Fluppe in das am Gehweg angrenzende Feld.

„Bine!“, meckerte ihr Bruder. Hastig trampelte er auf der Zigarette herum. „Willst du alles abfackeln?!“

Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. „Mir doch egal.“

 

Kyle war froh, als sich ihre Wege im Erdgeschoss des Hauses trennten. „Bis morgen“, verabschiedete er sich.

„Oder bis nachher!“, hörte er sie rufen. In seinen Ohren klang dies fast wie eine Drohung. Im ersten Stock angekommen, kramte er in seinem Rucksack nach dem Schlüssel. Kaum in der Wohnung angekommen, kam ihm die Stimme seiner Mutter entgegen gebrüllt. „Warst du in der Schule?!“

„Natürlich!“, antwortete er leicht gereizt.

„Gut! Du musst gleich mal einkaufen gehen!“

Frustriert kniff Kyle die Lippen zusammen.

 

Adam saß mit seiner Oma und seinem Schulfreund Dennis am kleinen Küchentisch und starrte für einen Moment auf den tiefen Teller vor sich, in der sich die dampfende Kartoffelsuppe mit einer Bockwurst befand. So wirklich konnte er nicht verstehen, warum Dolores so etwas bei solch einem Wetter zubereitete. Es war doch viel zu schwül draußen und wirklich appetitlich sah es auch nicht aus.

„Hau rein!“, forderte sie ihren Enkel auf und kostete.

„Ja, klar.“ Er griff nach dem Löffel. Schon jetzt begann er zu schwitzen.

„Das ist so lecker“, schleimte Dennis mit einem trügerischen Lächeln.

„Das freut mich!“, gab sie frohgemut zurück. „Es ist genügend da“, meinte sie und blickte dabei zu dem großen Kochtopf auf dem Herd.

„Ein Teller wird mir reichen – so hat dein Mann, der sich sicher über das leckere Essen freuen wird, mehr davon.“

„Ach der“, seufzte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Der wird nach der Arbeit bestimmt wieder beim Spanier essen, wie immer.“

Noch immer zögerte Adam mit dem Speisen. Doch sein Magen war kurz davor zu knurren. Hastig pickte er mit der Gabel in die Wurst.

Dennis schnaubte. „Er kann doch ruhig mal deutsch essen, auch wenn er Spanier ist.“

„So sind die Männer halt“, sagte sie und schaute zu Adam. „Spanische Männer haben eine seltsame Art an sich. Außerdem bekommen die meisten einen frühen Bartwuchs.“

„So wie Adam?“, feixte Dennis mit einem frechen Blick zu seinem Freund.

„So wie Adam.“

„Häh, was?“, murmelte Adam in Gedanken vertieft und versuchte, die zu heiße Wurst durch Pusten abzukühlen.

„Guck mal, wie er die Wurst isst“, schmunzelte Dolores.

„Sieht lustig aus“, stimmte Dennis ihr zu.

Adam biss ab. Dennis begann leise zu kichern.

„Was ist?“, stutzte Adam mit vollem Mund.

„Das sieht so bescheuert aus!“, lachte sein Freund.

„Was denn?“

Dolores wandte sich wieder Dennis zu. „Kennst du den schon?“, fragte sie. Gespannt sah Dennis sie an. „Ein Schwuler kommt an eine Tankstelle und steckt sich einen Zapfhahn in den Hintern. Da kommt eine Oma vorbei und meint: ‚Also, das ist aber nicht normal!‘ und er darauf: ‚Nein, das ist Super!‘“

Dennis und Dolores begannen lauthals zu gackern, während Adam sich auf einmal total unwohl fühlte.

„Oder der“, spottete Dolores. „Was haben ein Zahnstocher und ein Schwuler gemeinsam?“

„Ähm“, Dennis überlegte und zuckte gespannt mit den Schultern.

„Beide stochern gerne in Essensresten herum“, schnatterte Dolores. Die beiden bekamen sich gar nicht mehr ein.

„Ich kenne auch einen“, schwatzte Dennis. „Zwei Schwule sitzen in der Badewanne. Lässt einer einen Furz ab. Sagt der andere: ‚Oh, schau mal – unser Kind atmet!‘ “

Sie brachten einen hasserfüllten Witz nach dem anderen.

„Gehen zwei Tunten im Wald spazieren“, erzählte Dennis. „Plötzlich muss der eine mal. Er hockt sich hinter einen Baum und drückt – dabei bemerkt er allerdings nicht, dass er seine Notdurft auf einen Frosch verrichtet. Als er fertig ist und bemerkt, dass sich der Haufen bewegt, schreit er auf einmal los: ‚Detlef, komm schnell her! Ich habe eine Fehlgeburt!‘ “

Fast hätte Dolores sich an ihrer Wurst verschluckt.

Adam dachte sich nur seinen Teil. Was zum Teufel ist so lustig daran?

„Woran erkennt man einen schwulen Schneemann? An der Karotte im Arsch!“, scherzte sie.

Adam fand das Ganze überhaupt nicht amüsant und schwieg – so, wie er es bei dem Thema schwul immer tat.

Ruckartig sah Dolores ihn mit ernster Mimik an. Schnell schaltete er und gab ein angestrengtes Lachen von sich. „Ja, urkomisch. Ich muss mal“, murmelte er, stand auf und begab sich auf die Toilette. Und während Dolores mit Dennis weiter herumschäkerte, guckte Adam sich betrübt im Badezimmerspiegel an.

 

Kyle saß vor seinem Schreibtisch und malte in Gedanken vertieft eine Person. Das tat er oft, vor allem, um abzuschalten. Sein Zimmer war nicht gerade groß, beinhaltete aber das Nötigste. Zwar fehlte das Bett, dafür besaß er aber eine kleine Schlafcouch, die allerdings wenig gemütlich war. Viel zu hart – viel zu hässlich. Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür.

„Kyle!“, rief seine Mutter, die im Wohnzimmer bequem auf dem Sofa saß und fernsah.

Mit einem Blick zum Fenster stöhnte er und stand auf. Warum musste sich sein Reich auch ausgerechnet so nahe an der Wohnungstür befinden? Er öffnete.

„Hi!“, begrüßte ihn eine junge Frau und drängelte sich rasch an ihm vorbei.

Das Antworten konnte er sich sparen, denn sie war bereits im Wohnzimmer verschwunden. Kopfschüttelnd schloss er die Tür.

„Hi!“, lächelte sie Tina an.

„Ach, die Selda!“, freute Tina sich und erhob sich. „Na!“ Kurz herzten sie sich. 

„Na, wie geht es dir?“, fragte Selda und setzte sich.

„Joah“, murmelte Tina. „Bestens und selbst?“

Wieso fragte Selda eigentlich nach Tinas Wohlbefinden? Sie trafen sich doch fast täglich.

„Ach“, stöhnte die junge Halbtürkin kopflos. „Das Wetter macht mir echt zu schaffen.“

„Wem sagst du das?“

„Meinst du, Kyle kann meine beiden Kinder vom Kindergarten abholen?“

Ohne darüber nachzudenken, rief Tina laut: „Kyle!“

„Boah, was denn?!“, fluchte er und riss seine Zimmertür auf. „Was denn?“, jammerte er, als er im Türrahmen stand und auf die beiden Frauen blickte.

„Kannst du mal eben …“, begann Selda mit einem gemeingefährlichen Gesichtsausdruck. Kyle wusste sofort, was sie von ihm wollte. Es war schließlich nichts Neues. Wenn er in seiner Freizeit nicht einkaufen oder putzen musste, dann durfte er die Arbeit anderer übernehmen.

Brummend sah er die Schwarzhaarige an.

Selda wusste, dass Kyle ihre Kinder abholen würde, und wandte sich schnell wieder ihrer Freundin zu. „Hast du noch ein Bier?“

Tina schüttelte den Kopf. „Muss Kyle erst holen.“

„Ich war doch gerade erst!“, erinnerte Kyle seine Mutter.

Wieder sah Selda ihn mit dieser Miene an.

„Ist ja schon gut!“, murrte er und ging zürnend zurück in sein Zimmer. Dass er überhaupt Bier bekam, lag daran, dass ihn die Verkäufer alle schon kannten und sie alle wussten, dass es nicht für ihn, sondern für die Erwachsenen war. Sie wussten auch, dass Kyle Alkohol verabscheute und niemals auch nur eine Flasche anrühren würde.

 

Adam verabschiedete sich von seiner Oma sowie von Dennis und fuhr mit seinem Fahrrad nach Hause. Er ließ sich möglichst viel Zeit dabei und brauste gerne umher, um nachzudenken. Vieles ging dem jungen Spanier durch den Kopf. Dinge, die er nicht verstand. Sachen, die er versuchte zu verstehen – erfolglos.

Als er an dem türkisgrünen Einfamilienhaus, in dem er wohnte, ankam, stieg er vom Fahrrad und öffnete das kleine Törchen zum Anwesen. Der Rasen auf der rechten Seite war schön grün und von einer niedrigen Hecke umgeben. Adam schob sein Fahrrad über den hell gepflasterten Weg, und lehnte es gegen die Hauswand. Er ging hinein und stürmte links die Stufen hinauf zum oberen Stockwerk, in dem sich sein Zimmer befand. Seufzend ließ er seinen Rucksack auf den Laminatboden fallen, schloss die Tür hinter sich und legte sich erschöpft auf sein Bett, das direkt vor dem großen Fenster stand. Die Wände waren schneeweiß und bis auf das grüne Spannbettlaken, war der Raum eher hell gehalten. Ein kleiner weißer, flauschiger Teppich schmückte den Bereich zwischen dem hellbraunen Bett und dem gleichfarbigen Kleiderschrank, der viele Spiegel besaß. In der linken Ecke stand noch ein Schreibtisch, auf dem ein paar Kleidungsstücke verteilt waren. Adam war geschafft. Die Suppe hatte ihm den Rest gegeben.

 

„Nun kommt schon!“, forderte Kyle genervt von Seldas Kinder. „Ich will auch noch mal nach Hause!“

Nachdem Kyle die beiden Sprösslinge abgeliefert hatte, besorgte er noch das Bier aus dem Supermarkt. Doch das sollte noch nicht alles für den Tag gewesen sein.  Die Ruhe fand Kyle erst am Abend.  Müde ließ er sich auf die nicht gerade sehr weiche Couch fallen.

„Aua!“ Er schnaubte. Wird es morgen genauso ablaufen?, fragte er sich mit den Gedanken an seine neue Schulklasse. Oder werden sie es herausfinden und alles beginnt von vorn? Nur schwer fand Kyle, wie so oft, den Weg ins Land der Träume.

 

Adam saß noch am späten Abend im Dunkeln auf seinem Bett und starrte verträumt aus dem geöffneten Fenster. „Wieso ist das Leben nur so kompliziert?“, flüsterte er.